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Zwergenreise 1

   Zwergenreise (I)

Das Dorf schmiegte sich eng an den Hügel. Zierliche Fachwerkhäuschen drängten sich aneinander und aus offenen Schmieden drang das typische Geräusch, das entsteht, wenn das feste Metall des Hammers auf rotglühenden Stahl trifft. Der Geruch von Kohlefeuern lag in der Luft und wurde zusammen mit der Asche von einem leichten Wind in der ganzen Umgebung verteilt. Aus etlichen Schornsteinen drang Rauch und dies konnte an einem warmen Sommerabend nur bedeuten, dass hier die Badeöfen in Betrieb waren. Was beileibe kein Luxus war, denn die Arbeit in der Eisenmine bracht einfach die Notwendigkeit mit sich, sich abends gründlich zu reinigen. Nicht weit von den Häusern entfernt graste eine Rinderherde friedlich in der Abendsonne und wartete auf die Melker. Vom Wald drang der verfrühte Ruf eines Käuzchens herüber, dann das helle Keckern eines Eichelhähers. Das führte zu einigem Geraschel im Unterholz und darauffolgender allgemeiner Stille im Wald.

Senbein blickte auf und zum Weg hinüber, der am Waldrand entlang in Richtung Tal führte. Eine schmächtige Gestalt näherte sich, von der im Gegenlicht nur flirrende Umrisse auszumachen waren. Das war ein ungewöhnliches Ereignis, denn Fremde kamen nur selten in das Zwergendorf und die Bewohner ermutigten eigentlich auch niemanden, sie aufzusuchen. Sie waren lieber unter sich und suchten die Nähe anderer Leute nur dann, wenn es zum Handel unbedingt erforderlich war oder wenn die Politik eine Teilnahme an Festen und anderen Veranstaltungen erforderlich machten. Was selten der Fall war, denn die nächste Menschenstadt war mehr als fünf Tagereisen entfernt und der Kontakt nur sehr lose. Das hatte nichts mit irgendwelchen gegenseitigen Ressentiments zu tun, sondern lag schlicht an der Abgeschiedenheit des Zwergendorfes.

Der Fremde war inzwischen näher gekommen und Senbein erkannte jetzt, dass es sich um einen aussergewöhnlichen Besuch handelte. Die Gestalt war fast einen ganzen Kopf kleiner als er selbst, was bei einem Zwerg von knapp einem Meter vierzig Länge schon sehr bemerkenswert war. Er war in einfache, aber sauber verarbeitete Lederkleidung gehüllt, die schon deutliche Tragespuren aufwies, was auf eine längere Reise hindeutete. „Guten Abend, Fremder. Wer oder was seid Ihr und was wollt Ihr hier?“ Der Fremde liess einen übergrossen Tornister zu Boden sinken, setzte sich darauf und sah Senbein an. „Ich heisse Brado und komme aus Lobbingen im Bachgau. Ich bin ein Hänfling und suche jemand, der sich mit Ringen auskennt. Drüben in Käse sagten sie mir, ich solle bei den Zwergen fragen und wiesen mir den Weg hierher. Und da bin bin ich also.“

Senbein schaute den Hänfling prüfend an. „Ringe. Soso. Da sollten wir warten, bis meine Frau aus dem Bergwerk zurückkommt, das kann nicht mehr lange dauern. Bleibt doch zum Abendessen.“ Ungeachtet ihrer Isoliertheit waren Zwerge sehr gastfreundliche Wesen, wenn sie sich denn einmal dazu durchgerungen hatten, jemanden willkommen zu heissen. Die meisten Zwergenhäuser hatten sogar ein Gästezimmer, auch wenn es selten, manchmal sogar nie benutzt wurde. „Ich selber verstehe zwar auch ein wenig von Schmuck, aber es sind meist die Zwergenfrauen, die ein geschickteres Händchen dafür haben und damit auch wesentlich mehr darüber wissen. Dafür sind wir Männer die besseren Eisenschmiede und kennen uns mit allen Arten von Waffen besser aus. Da fällt mir ein, dass ich mich noch nicht vorgestellt habe, wie unhöflich von mir. Ich bin Senbein, König Senbein.“

„König Senbein? Ihr seid der Herrscher über all dies?“ Brado schien erstaunt. „ Aber wäre dann nicht ein Palast angemessener als dieses bescheidene Haus?“ Senbein schmunzelte. „Das ist nur eine Unzulänglichkeit der gemeinsamen Hochsprache. Unser zwergisches Wort ´hador´ bedeutet König, wenn es auf der ersten Silbe betont wird und so etwas wie Clanchef oder Haushaltsvorstand, wenn es auf der zweiten Silbe betont wird. Das geht bei der Übertragung in die Hochsprache natürlich verloren und deshalb ist aus eurer Sicht jeder zweite Zwerg ein König.“ Brado nickte verstehend. „ Das kenne ich. Auf ähnliche Weise ist es zu dem Gerücht gekommen, wir Hänflinge würden in Erdhöhlen wohnen, dabei lieben wir es hell und luftig. Und wie ich sehe, lebt ihr Zwerge auch nicht tief im Berg, wie allgemein behauptet wird.“ „Wer würde schon tief im Berg leben wollen? Es ist schon gefährlich genug, bei all den Erdbeben dort zu arbeiten. Davon ganz abgesehen, wovon sollten wir dort leben? Ackerbau und Viehzucht sind nunmal nicht unter Tage möglich. Nein, nein, es gibt eine ganze Menge von Dingen, welche die Leute über Zwerge zu wissen glauben, die einfach nicht stimmen. Die Arbeit unter Tage ist schwer genug, da bleibt weder Zeit noch Lust, dazu auch noch ´Heiho heiho´ zu singen.“ Senbein lehnte sich zurück und kramte eine Pfeife hervor, die er umständlich anzündete. „Aber was treibt euch in die Welt hinaus um nach Ringen zu fragen?“

Brado holte einen kleinen Beutel aus der Jackentasche, öffnete ihn und schüttete den Inhalt in seine Handfläche. Gut ein Dutzend goldener Ringe funkelten in der Sonne. „Das hier. Das war gewissermassen ein Geburtstagsgeschenk, aber wohl kein allzu wohlmeinendes. Ich soll dafür sorgen, dass diese Ringe vernichtet werden, aber in einem normalen Feuer ist das nicht möglich, daran haben sich schon mehrere Schmiede des Bachgaus die Zähne ausgebissen.“ Er schaute auf Senbeins Hand und machte grosse Augen. „Der Ring, den ihr da tragt, sieht diesen hier recht ähnlich. Ist das auch ein Ring der Macht?“ „Ein Ring der Macht? Das könnte man so sagen.“ Senbein kicherte in sich hinein. „Ein Ring, sie zu knechten... Nun, wie gesagt, lasst uns auf meine Frau warten, die weiss mehr über solche Dinge als ich. Wir könnten solange zum Anger hinübergehen, die Kühe müssen noch gemolken werden und das ist heute meine Aufgabe.“ Er stand auf, wartete, bis Brado es ihm nachgetan hatte und schlenderte dann langsam hinüber zur umzäunten Weide, wo die Kühe schon angefangen hatten, unruhig zu werden.

„Ist das bei euch immer so, dass die Männer Frauenarbeit machen?“ fragte Brado. „So etwas wie Männer- oder Frauenarbeit kennen wir nicht. Wir kennen nur Arbeit, und die tut, wer immer sie tun kann. Seht, bei uns gibt es ausser den offensichtlichen Merkmalen keinen Unterschied zwischen Mann und Frau. Beide sind gleich stark und gleich gross, also können auch beide alle Arbeiten tun. Den einen Tag sind wir im Bergwerk, egal ob Mann oder Frau, den anderen auf den Feldern oder im Wald, an anderen Tagen wiederum stehen wir in der Schmiede. Und da ist es dann schlicht eine Frage des Talents, ob einer Eisenschmied oder Goldschmied ist.“ Senbein bückte sich, griff sich einen Melkschemel und einen Melkeimer und öffnete das Gatter. Die Herde wurde noch etwas unruhiger und drängte in einer langsamen allgemeinen Bewegung auf ihn zu, so als wolle jede Kuh die erste sein, die gemolken wurde. Eine Reihe anderer Zwerge näherte sich, um bei der Arbeit zu helfen.

Brado sah von einem zum anderen. „Entschuldigt die Frage, aber ich sehe, dass keiner von euch einen Bart trägt, aber alle Welt weiss, zumindest bei uns im Bachgau, das Zwerge Bärte tragen.“ „Das ist wieder so ein vorschnelles Urteil der Mitwesen. Wenn man den ganzen Tag im Dreck und Staub der Mine verbringt, so möchte man nicht unbedingt Stunden damit verbringen, den Bart wieder sauber zu kriegen. Und anderntags in der Gluthitze der Schmiede würde ein Bart wohl auch nicht lange überstehen. Also nein, die meisten Zwerge tragen keinen Bart, weil es unpraktisch ist. Nur die, die nicht oder nicht mehr arbeiten, lassen sich einen Bart stehen und dass auch meist erst dann, wenn die Haut so runzelig geworden ist, dass Rasieren gefährlich wird. Dabei gibt es dann auch wieder keinen Unterschied zwischen Mann und Frau, beide tragen dann Bärte. Und weil es meist nur diese Leute sind, die sich für längere Zeit unter andere Wesen mischen, ist halt das Vorurteil entstanden.“ Senbein ging mit dem nun vollen Melkeimer hinüber zum Gatter, leerte ihn in ein dort stehendes grosses Fass und nahm sich dann die nächste Kuh vor. „Was für Vorurteile kennt ihr noch? Das wir hinter dem Gold her sind, wie ein Dämon hinter der armen Seele? Das stimmt natürlich auch nicht. Wir finden halt in unseren Minen ausser Eisenerz auch gelegentlich Gold und machen daraus Münzen und Schmuck. Aber wir horten den Kram nicht wie ein Drache, sondern handeln damit. Nur unser König, ich meine den richtigen König, hat so etwas wie einen Staatsschatz, und der fällt eher bescheiden aus.“

„Was handelt ihr denn so?“, fragte Brado. „Es sieht so aus, als bräuchtet ihr recht wenig, so gut scheint hier alles durchorganisiert.“ Senbein schüttelte den Kopf. „Da fehlt noch so einiges. Für unsere Schmieden brauchen wir zum Beispiel Kohle. Die findet man aber gewöhnlich nicht da, wo man Eisenerz gewinnen kann, also lassen wir uns die Kohle von einem befreundeten Zwergenvolk liefern, dass darauf spezialisiert ist. Die arbeiten übrigens im Tagebau, sind also überhaupt nie in irgendwelchen Stollen und Schächten. Für unsere Lampen und Laternen brauchen wir Spaltöl, das könnten wir zwar auch selbst herstellen, aber es mangelt in dieser Gegend an den entsprechenden Steinölvorkommen. Daher kaufen wir das Öl von wieder einem anderen Volk, das weiter im Süden lebt und damit nicht einmal ein Volk der Berge ist.“

„Spaltöl? Steinöl? Das kenne ich beides nicht.“ Brado schien etwas verwirrt. „Wir benutzen für unsere Lampen Baumöl, einfach aus den Früchten des Ölbaumes gewonnen.“ Senbein lachte. „Das benutzen wir nur zum Braten und für den Salat. In der Lampe wäre uns das viel zu russig und zu unangenehm im Geruch. Steinöl ist ein Öl, dass in der Erde gefunden wird, im Süden gibt es Stellen, da tritt es offen zutage. Wir Zwerge kennen einen Weg, das Steinöl mittels Hitze und Druck aufzuspalten. Heraus kommt zum einen Spaltöl, ein besonders leichtes und reines Öl, das beinahe russfrei brennt, sowie eine sehr leicht entzündliche Flüssigkeit, die wir Naphta nennen. Man kann daraus Brandbomben bauen und ein Vetter von mir meint sogar, man könne vielleicht Maschinen damit antreiben. Reiner Unfug, wenn ihr mich fragt. Maschinen treibt man mit Wasserkraft oder Ochsen an, nicht mit Feuer, das nur zerstören kann.“ Er nahm zum wiederholten Male den Melkeimer und wandte sich in Richtung Gatter. „Kommt, Herr Brado. Meine Arbeit hier ist getan und meine Frau müsste längst zuhause sein.“ Er nahm seinen Melkeimer und ging hinüber zu einem Waschzuber, der gefüllt neben dem Milchfass stand, das, wie Brado erst jetzt bemerkte, auf Rollen montiert war, wohl um es zurück zu den Häusern und in Sicherheit zu bringen. Senbein wusch den Melkeimer sorgfältig aus und stellte ihn dann zurück zu den anderen. Dann gingen sie das kurze Stück Weg zurück zum Dorf und betraten das Haus. „Nimda ist wohl noch im Bad, lasst uns in die Küche gehen und das Abendessen vorbereiten. Nicht dass es etwas Besonderes gäbe, unter der Woche kommen wir gewöhnlich mit Brot und Käse aus, dazu Gurken und Tomaten. Mögt ihr Tee? Ich habe da einen ausgezeichneten Graugraftee, ihr könnt aber auch gewöhnlichen grünen Tee haben.“ Mit diesen Worten erreichten sie die Küche, wo Senbein in geschäftiges Treiben ausbrach. Er entfachte ein Feuer und setzte den Wasserkessel auf. Dann teilte er Bretter und Bestecke aus und holte die Lebensmittel aus der Speisekammer und setzte sich schliesslich an den Tisch. In diesem Moment ging ein Tür in der Wand neben ihm auf und eine Frau betrat die Küche, bekleidet nur mit einem Handtuch um die Hüften und einem ebensolchen auf dem Kopf. „Schatz, hast du - oh... ich wusste nicht, dass wir Besuch haben. Was starrt ihr so? Habt ihr noch nie eine halbnackte Frau gesehen?“ Brado errötete und starrte nocheinmal fast verzeifelt auf die Zweierreihe fester Brüste, die von oben nach unten über mittel und klein bis ganz klein ging. Er stammelte „Doch, schon. Sogar ganz nackte. Aber ehrlich gesagt, noch nie eine mit sechs Brüsten. Bei uns sind zwei normal.“ „Tja, oft ist eben mehr drin, als man glaubt“, sagte Nimda gepresst.“Ich ziehe mich nur rasch an und dann habe ich Hunger.“ Sie verschwand im Flur.

„Das hätte auch schiefgehen können.“ meinte Senbein. „Ich hätte sie vorwarnen sollen, sie braust leicht auf. Wollt ihr euch die Hände dort in der Spüle waschen, oder im Bad?“ Brado grinste verlegen. „Ich habe noch nie ein privates Bad gesehen, im Bachgau haben wir öffentliche Waschhäuser, wo jeder hingehen kann. Wenn ihr nichts dagegen habt, soll es also das Bad sein.“ „Seid mein Gast und fühlt euch, ja, dann eben nicht wie zuhause.“ schmunzelte Senbein, stand auf und ging zur Badezimmertür. „Ich zeige euch kurz, wie es funktioniert. Entschuldigt, dass es hier überall etwas feucht ist, aber diese gefalzten Rohre sind einfach nie wirklich dicht. Eines Tages wird jemand nahtlose Rohre erfinden und damit reich und berühmt werden. Bis dahin tropft es halt immer ein wenig. Wie ihr seht, haben wir hier nur einen Zuber,ein Waschbecken und den Badeofen. Der Abort ist nach wie vor hinter dem Haus. Wir haben weiter unten zwar auch ein Klärbecken, aber das würde mit dem Kot von neunhundert Zwergen nicht fertig werden und wir wollen keinesfalls den Bach dauerhaft verunreinigen. Also leiten wir nur das Waschwasser in die Klärung und danach wieder in den Bach. Das Wasser kommt natürlich auch aus dem Bach und wird von einem Wasserrad in einen Staubehälter weiter oben am Hang gepumpt. Von dort fliesst es dann durch unterirdische Rohre in die einzelnen Häuser. Im Winter wird der Behälter beheizt, damit das Wasser nicht einfriert. Wenn es mal so kalt wird, dass der ganze Bach vereist, haben wir natürlich ein ernstes Problem. Also, das Wasser kommt hier aus dem Hahn, er klemmt ein wenig, weil das Holz gequollen ist. Leider haben wir noch kein besseres Material dafür gefunden. Eisen würde rosten und Kupfer ist zu weich. Wir experimentieren gerade mit einer Mischung aus Kupfer und Zinn. Das klingt ganz vielversprechend, auch wenn das schwierig zu verarbeiten ist. Na gut, ich lasse euch dann mal allein.“ Er verliess das Bad und setzte sich wieder an den Küchentisch, wo seine Frau schon wartete.

„Wer ist der Fremde und was will er von dir?“ Nimda schien nicht erfreut zu sein, dass die häusliche Ruhe so unerwartet unterbrochen worden war. „Er heisst Brado und kommt aus dem Bachgau, ist also ein Hänfling. Er hat irgendein Problem mit magischen Ringen und ich habe ihn nur deswegen hereingebeten, damit er mit dir reden kann. Wenn hier jemand etwas über solche Ringe weiss, dann ja wohl du. Ah, er kommt. Setzt euch, Herr Brado, wir wollen zunächst essen, bevor wir auf eure Ringe zu sprechen kommen.“ Er verteilte das Brot und den Käse und sie nahmen die Mahlzeit unter Austausch eher belangloser Floskeln zu sich. Es war sehr deutlich, das Nimda sich in Anwesenheit eines Fremden nicht wohl fühlte, aber das konnte auch auf der unglücklichen Begegnung beruhen. Nach dem Essen begaben sie sich ins Wohnzimmer und die Zwerge holten ihre Pfeifen heraus und rauchten genüsslich. Schliesslich ergriff Nimda das Wort. „Nun, Herr Brado, mein Mann sagte, ihr habt ein Problem mit Ringen? Erzählt.“ Brado zögerte kurz, holte dann den Beutel wieder aus seiner Jacke und schüttete die Ringe auf den Tisch. “Ich soll diese Ringe vernichten, aber sie widerstehen einem Schmiedefeuer und ich bin einigermassen ratlos. Es sind Ringe der Macht und wenn sie in falsche Hände geraten, könnte es sehr unangenehm werden. Daher möchte ich sie so schnell wie möglich loswerden.“ Nimda nahm einen der Ringe in die Hand und hielt ihn dicht vor die Augen. Sie drehte und wendete ihn, wog ihn in der Hand und steckte ihn dann für einen kurzen Moment auf den zweiten Ringfinger der rechten Hand. Schliesslich warf sie den Ring mit einem leicht angewiderten Blick wieder auf den Tisch. „Eins ist sicher, das ist keine Zwergenarbeit. Das ist einfach dicker Golddraht, gebogen und an den Enden zusammengeschweisst. Wir Zwerge treiben Ringe grundsätzlich aus dem vollen Klumpen. Das ist schwieriger, aber auch eleganter. Zum Zauber kann ich nichts sagen, es steht nur soviel fest, dass dem Ring ein machtvoller Zauber innewohnt. Aber dieser Zauber kann gebrochen werden, soweit ich solche Zauberringe kenne. Dort wo der Ring geschweisst ist, ist auch seine schwache Stelle, wenn man nur genügend Hitze wirken lässt, wird er an diesem Punkt brechen und sobald die Kreisform unvollständig geworden ist, ist auch der Zauber unvollständig. Und ihr habt sicher recht, ein einfaches Schmiedefeuer wird dem Ring nichts anhaben können. Man sagt, solche Ringe könnten nur in dem Feuer zerstört werden, in dem sie geschmiedet wurden. Das dürfte bei elf Ringen ein ziemlich aussichtsloses Unterfangen sein. Selbst wenn alle im selben Feuer entstanden, dürfte es kaum möglich sein, dieses wiederzufinden, womöglich ist es auch längst erloschen. Wisst Ihr was? Nehmt einfach eure Ringe und werft sie in den nächsten Vulkan.“ Brado hatte fasziniert zugehört. „Und ein Vulkan wäre heiss genug, die Ringe zu zerstören?“ „Vielleicht, vielleicht auch nicht. Das kommt auch auf den Vulkan an, wie weit man an das wirklich heisse Magma herankommt. Aber selbst wenn nicht, was soll´s? Es wird einfach niemand mehr an die Ringe herankommen, wenn sie erst einmal im Magma versunken sind. Aber sagt, wer verlangt denn eigentlich von euch, diese Ringe zu vernichten und wo habt Ihr sie her? Ich meine, an einen Ring der Macht zu gelangen ist schon schwer, aber gleich dreizehn Stück?“ „Darüber darf ich leider nicht sprechen. Seid versichert, ich habe das Recht, diese Dinge zu besitzen und zu vernichten und das werde ich auch tun.“ Brado sprach mit entschlossener Stimme, der anzuhören war, dass er dazu kein weiteres Wort mehr sagen würde. „Könnt ihr mir auch noch einen Rat geben, welcher Vulkan wohl der Richtige wäre? Ich fürchte, Geographie ist nicht meine stärkste Seite, wir kommen nur selten aus dem Bachgau heraus.“ Nimda überlegte kurz, stand auf und ging zu einem Gestell an der Wand, wo sie einige Zeit herumkramte. Sie kehrte mit einer Landkarte zurück, welche die bekannte Welt zeigte, also noch reichlich weisse Flecken aufwies. „Seht her, dieser Kontinent dort am anderen Ende der Welt, das ist Eisland. Dort liegt der Schnüffel, der zweithöchste Berg den wir kennen und ein aktiver Vulkan mit einem magmagefüllten Krater, der für eure Zwecke ideal geeignet ist. Aber es ist ein weiter Weg dorthin, ihr werdet Monate benötigen und die Reise wird sehr beschwerlich sein.“ Brado schien das nichts auszumachen. „Ich habe den Weg vom Bachgau hierher geschafft, ich werde auch diesen Weg schaffen. Keine Mühe ist zu schade, wenn nur diese unsäglichen Ringe vom Angesicht der Erde verschwinden.“ Senbein beugte sich vor. „Und was sind jetzt eure Pläne? Wollt Ihr diese beschwerliche Reise wirklich auf euch nehmen, so ganz alleine?„ „Ich habe die Aufgabe, diese Ringe zu vernichten, angenommen. Also muss ich es auch zuende bringen. Aber ich möchte diese Reise nicht unbedingt zu Fuss machen müssen, habt ihr vielleicht ein Pony, das ich leihen oder kaufen könnte?„ Nimda und Senbein blickten sich kurz an und erhoben sich dann gleichzeitig, als hätten sie das lange geübt. „Ponies haben wir nicht. Aber vielleicht etwas besseres, kommt mit.„

Sie verliessen das Haus und gingen den Weg entlang, der ins Tal führte, vorbei an der Rinderweide, bis sie zu einem langgezogenen Gebäude kamen, von dem ein markanter Geruch ausging. Senbein entzündete eine Laterne und führte sie hinein. Vor ihnen standen rund zwanzig Pferde, wie Brado sie noch nie gesehen hatte. Sie waren nicht grösser als Ponies, aber vom Körperbau her wie Streitrosse geformt und es schien eine unbändige Energie von ihnen auszugehen. Alle hatten dieselbe, fast ockerfarbene Tönung und kurze, leicht krause Mähnen und Schwänze. Senbein tätschelte einem der Tiere den Hals. „Diese Rasse wird von uns seit über einhundert Jahren gezüchtet. Sie ist entstanden aus dem vollen Blut des Ostens und dem kalten Blut der Berge. Die Tiere sind gleichzeitig schnell und ausdauernd und sie können ausser dem Reiter auch eine Menge Gepäck über weite Strecken tragen, ohne zu ermüden. Selbst schwere Wagen ziehen sie ohne Klagen, wenn man nur genug Tiere vorspannt. In Anbetracht eurer Körpergrösse sind sie vielleicht etwas zu hoch gebaut und Ihr werdet etwas mehr Mühe als wir haben, was den Oberschenkeleinsatz angeht, aber damit dürftet ihr wohl zurechtkommen. Ich werde euch morgen früh meinem Freund Lenbogen vorstellen, er verwaltet die Tiere und ihr werdet euch sicherlich mit ihm über Verkauf oder Miete einig werden. Nun kommt, lasst uns zurückgehen und den Abend bei einem Becher Wein beschliessen.„ Sie traten aus der Stallung heraus, Senbein löschte die Laterne und hängte sie wieder an ihren angestammten Haken. Langsam gingen sie wieder zurück zum Haus, wo das Kaminfeuer und die Getränke schon auf sie warteten.

Der Abend zog sich in die Länge und im Verlauf des Gespräches wurde immer deutlicher, dass Brado eigentlich nur wenig beitrug, er schien schon mit den Gedanken an die vor ihm liegende Reise beschäftigt und wollte offenbar auch nicht viel über seine Heimat erzählen, obschon Senbein und Nimda wiederholt versuchten, ihn zu mehr als belanglosen Floskeln zu bewegen. Schliesslich gaben die beiden auf und deuteten an, dass es Zeit für die Nachtruhe sei. Nimda bereitete das Gästezimmer vor und schliesslich zog sich Brado dorthin zurück. Auf dem Weg in das eigene Bett konnte Nimda nicht umhin, zu bemerken: „Ein seltsamer Kauz ist das schon. Ich bin froh, wenn er morgen wieder fort ist.„ Senbein nickte. „Fremde Menschen, fremde Sitten. Vielleicht sind die im Bachgau ja auch nicht alle genauso.„ Er zog sich aus, streifte seinen Ring vom Finger, legte ihn auf den Nachtschrank und stieg ins Bett. „Das war ein seltsamer Tag, möge der morgige besser werden.„ Er löschte die Lampe und mit der Dunkelheit kehrte auch bald der Schlaf ein.

Sie erwachten nicht beim ersten Hahnenschrei. Auch nicht beim zweiten und dritten. Das ist eigentlich nichts ungewöhnliches, Zwerge sind von Natur aus Langschläfer und dazu noch aus den Minen soviel Lärm gewöhnt, dass sie Hahnenschreie mit Leichtigkeit ignorieren konnten. Für Nimda und Senbein war es trotzdem ungewöhnlich, erst zu erwachen, als die Sonne schon sehr hoch am Himmel stand. Als sie mit der Morgentoilette fertig waren, fiel ihnen auf, das etwas nicht stimmte. Senbein konnte seinen Ring nicht finden, obwohl er ihn auf, unter, hinter und neben dem Nachtschrank suchte. Auch im und unter dem Bett war nichts zu finden. „Ich bin sicher, ich habe ihn hierhin gelegt.„ fluchte er und suchte erneut. „Vielleicht suchst du einfach nur an der falschen Stelle,„ bemerkte Nimda. „Unser Herr der Ringe ist nicht auf seinem Zimmer und die Landkarte ist auch verschwunden. Da hätte ich schon einen Verdacht, wo der Ring sein könnte.„ Senbein wurde schlagartig blass. „Aber, der Ring...ich brauche ihn doch. Er gehört zu mir. Das darf einfach alles nicht wahrsein. Ohne den Ring... ich mag gar nicht dran denken... Vielleicht ist der Dieb noch in der Nähe, komm.„ Er drehte sich um und stürzte aus dem Haus, Nimda hinterher. In der unmittelbaren Umgebung war nichts zu sehen, aber von den Stallungen drang Unruhe herüber. Im Laufschritt eilten sie hin und fanden einen völlig aufgelösten Lenbogen vor, der mit Armen und Beinen fuchtelte und seinem Ärger Luft machte. „Meine besten Tiere. Weg. Einfach weg. Die haben sich nicht von alleine aus der Box befreit, da hat jemand nachgeholfen. Diebe, hier bei uns. Es ist schrecklich, einfach schrecklich.„ Senbein warf einen schnellen Blick in die Boxengasse und zählte die Tiere. „Zwei Stück fehlen.„ bemerkte er. „Das wird wohl auch dieser Hänfling gewesen sein. Na warte, dem werde ich es zeigen.„ Nimda schaute ihn an. „Was hast Du vor?„ „Na, hinterher natürlich. Ich muss den Ring wiederhaben, koste es, was es wolle. Du weißt, was davon abhängt.„ Nimda hielt ihn zurück. „Wir wissen nicht wieviel Vorsprung er hat. Also wissen wir nicht, wie lange wir brauchen, um ihn einzuholen. Das will wohlüberlegt und vorbereitet sein.„ Senbein stampfte ungeduldig auf. „Wir? Am liebsten würde ich jetzt auf der Stelle hinterherreiten und dem Kerl zeigen, dass man Zwerge nicht ungestraft bestiehlt. Wenn wir zu zweit losziehen, behindern wir uns nur gegenseitig und er kann vielleicht entkommen .„ Nimda schüttelte energisch den Kopf. „Hitzkopf. Denk doch mal nach. Vielleicht ist er uns schon entkommen und wir können ihn gar nicht mehr einholen. Das hängt davon ab, wie gut er mit den Pferden zurechtkommt. An ein Reservepferd hat er ja leider gedacht. Andererseits wissen wir erstens, wo er hinwill, wenn seine Geschichte denn wenigstens soweit stimmt. Und zweitens kann er ja zunächst mal nirgendwo anders hin als nach Käse. Das gibt uns fünf Tage, um vielleicht einen halben Tag Vorsprung aufzuholen. Das müsste klappen, selbst wenn wir uns jetzt noch die Zeit nehmen, uns für fünf Tage zu rüsten. Also beruhige dich und lass uns packen gehen. Und selbstverständlich komme ich mit, ich bin schliesslich deine Frau.„ Sie drehte sich um, nahm Lenbogen bei den Schultern und schüttelte ihn beinahe sanft. „Kannst Du bitte kurz mit dem Jammern aufhören? Wir brauchen jetzt dein zweit- bis achtbestes Pferd, und zwar schnell. Zwei Sättel und ein Tragegestell dazu und wir sind in einer halben Stunde wieder hier und holen die Tiere ab. Hast Du mich verstanden?„ Lenbogen nickte verwirrt und griff geistesabwesend nach einem Sattel. „In einer halben Stunde, alles klar.„ wiederholte er.

Senbein und Nimda kehrten zum Haus zurück und fingen an zu packen. Wäsche und Proviant für fünf Tage, Verbandszeug, ein Zelt und Decken, regendichte Mäntel und schliesslich auch ihre Waffen. Nimdas bevorzugte Waffe war ein nach den Massstäben der Menschen mittellanges Schwert, das an ihr aber schon fast behindernd lang war, so dass sie es auf dem Rücken tragen musste, was es schwierig machte, es überhaupt zu ziehen. Aber sie war daran gewöhnt und zog es einem normalen Zwergenschwert vor, das ihrer Ansicht nach eine viel zu geringe Reichweite hatte, wenn man es mit einem grösseren Gegner zu tun hatte, der ebenfalls eine Waffe trug. Senbein entschied sich wie gewohnt für seine Streitaxt. Das war eine typische Zwergenwaffe, eine langstielige Axt mit asymmetrischer Klinge, deren vorderer Teil so herausgearbeitet war, dass er auch als Stichwaffe dienen konnte. Eigentlich war das mehr eine kurzstielige Hellebarde als eine Axt und auch sie wurde auf dem Rücken getragen, wenn sie nicht benutzt wurde. Zu der Hauptwaffe kam dann noch das übliche Sortiment von Messern und Wurfsternen und komplettierte die Ausrüstung. „Für den Hänfling brauchen wir eigentlich nicht so starke Waffen, den erwürge ich doch notfalls mit einer Hand.„ Senbein war immer noch wütend. „Der Weg nach Käse ist lang und nicht ungefährlich. Selbst wenn wir nur einem Bären begegnen, ist es besser, gerüstet zu sein.„ Nimda nahm einen Haufen Gepäck und trug ihn zur Tür. „Ich weiss gar nicht ob wir wirklich Lasttiere brauchen, aber sicher ist sicher. Je besser die Lasten verteilt sind, desto schneller kommen wir voran. Mit etwas Glück holen wir den Hänfling doch noch vor Käse ein. Lass uns die Pferde holen gehen.„

Eine gute halbe Stunde später waren sie unterwegs. In zunächst leichtem Trab folgten sie dem Talweg, der zunächst am Waldrand entlang führte. Später rückten die Bäume immer näher heran und schliesslich waren sie mitten im Wald. Die Pferde gehörten offenbar zu den intelligenteren Exemplaren ihrer Gattung, denn auch die vier unbezwergten Tiere folgten ohne Aufforderung dem nunmehr mittleren Trab der gerittenen beiden. So konnte ohne viel Aufwand ein relativ hohes Tempo eingehalten werden, dass die Ausdauer aller Beteiligten nicht allzusehr strapazierte. Die Bäume standen hier sehr dicht, denn die Zwerge hatten mittlerweile eine Gegend erreicht, in welche die nachhaltige Forstwirtschaft ihres Volkes bislang nicht vorgedrungen war, so dass bis auf den mühsam freigehaltenen Weg alles noch recht urwäldlichen Charakter hatte. Es herrschte die angenehme Kühle eines Waldes, der sein ursprüngliches Mass an Feuchte noch bewahrt hatte und auch lange anhaltende Sonneneinstrahlung vermochte nicht, daran etwas zu ändern. Statt des befürchteten Bären begegnete ihnen zunächst ein Wolf mit einigen ungewöhnlich grossen Körpermerkmalen, der sich zurück ins Dickicht verzog, sobald er sie bemerkte. Ansonsten zeigten sich immer wieder Rehe und andere Tiere, die offensichtlich den Weg dem dichten Unterholz vorzogen und teilweise keine Scheu vor Zwergen zu haben schienen. So weit vom Dorf entfernt waren wohl auch nur selten Jäger anzutreffen, so dass es auch keinen Grund zur Furcht gab.

Der Wald lichtete sich ein wenig und sie näherten sich einer hölzernen Brücke, die über einen munter gurgelnden Bach führte. Da der Weg hier sehr eng wurde, wechselten sie vom Trab in den Schritt und bildeten eine Reihe, was die Reservepferde wiederum sofort zu begreifen schienen, denn sie reihten sich selbständig ein und folgten. Das übliche Durcheinander einer solchen Aktion blieb aus. Senbein hatte mit seinem Pferd die Brücke schon fast erreicht, als aus einem Gebüsch am Kopf der Brücke eine hünenhafte, massige Gestalt trat. „Halt, Zoll, Brückentroll, Brückentrollzoll!„ Der Troll schwenkte eine riesige Keule und trat, den Weg versperrend, auf die Brücke. Er war fast zwei Meter gross und wirkte wie ein moosbewachsener Fels, nur dass sich Felsen für gewöhnlich nur dann bewegen, wenn sie gerade einen Steinschlag organisieren. Senbein zügelte sein Pferd und brachte es zum Stehen. „Was wollt ihr von uns, gebt den Weg frei.„ Bei Trollen durfte man keine Angst zeigen, dann dachten sie manchmal nicht an ihre rein körperliche Überlegenheit. Zwei quarzene Augen richteten sich auf den Zwerg. „Diese Brücke ist Privatbesitz, König. Passieren kostet zehn Goldstücke pro Gruppe. Es gibt keinen Rabatt für Zwerge, aber bei Bedarf Aufschläge für Übergepäck„ Nimda hatte sich zwischenzeitlich herangedrängt und versuchte es mit einem Trick, der in solchen Fällen helfen sollte. „Zehn Goldstücke? Wieviel ist das eigentlich?„ Der Troll schaute einen langen Moment in ihre Augen. „Zehn. Das ist die Zahl zwischen neun und elf und zwei weniger als ihr Finger an beiden Händen habt. Und Gold müsstet ihr als Zwerge eigentlich kennen.„ Er lachte ein erdbebenartiges Lachen. „Ihr glaubt wohl, nur weil ich ein Troll bin, wäre ich zu dumm zum Zählen. Hört mal, ich habe zwei Kilogramm feinstes Silizium als Gehirn. Andere wären schon hochzufrieden, wenn sie einen Bruchteil davon zum Denken bringen könnten. Nein, alles was recht ist, dumm bin ich wirklich nicht. Was ist jetzt mit dem Gold? Ihr seht doch, dass ich im Vorteil bin.„ Senbein und Nimda schauten sich an und kamen wortlos zu der Übereinkunft, nachzugeben. Die Zwergin zählte zehn besonders kleine Goldmünzen ab und legte sie einzeln in die ausgestreckte Pranke des Trolls. Bei neun stoppte sie. „Sagt bitte, Herr Troll, ist vor kurzem noch jemand anders hier vorbeigekommen? Ein Hänfling vielleicht?„ „Ausser euch ist hier nur noch ein Reiter mit zwei Pferden durchgekommen, allerdings in gestrecktem Galopp, so dass er schneller auf der Brücke war als ich. Das war so vor sechs, sieben Stunden. Man verliert so leicht das Zeitgefühl, wenn man hier im Gebüsch liegt und wartet. Das letzte Goldstück, wenn ich bitten darf.„ Nimda liess die Münze in seine Hand fallen. „Noch eine letzte Frage, wenn Ihr denn so ein intelligenter Troll seid, warum lauert ihr dann an dieser Brücke, wo nur alle paar Tage jemand vorbeikommt? Wäre es nicht besser, sich nach einer lukrativeren Brücke umzusehen oder überhaupt etwas anderes zu machen, was euch intellektuell eher fordert?„ Der Troll gab langsam den Zugang zur Brücke frei. „Meine materiellen Ansprüche sind gering, dafür reicht das Gold, das ich hier einnehme, alle mal. Wenig zu tun zu haben bedeutet andererseits, viel Zeit zum Denken zu haben. Und ich habe viel zu denken. Ein alter Mann, der hier vor Jahren vorbeikam, hat mir eine Frage gestellt, auf die ich bis heute keine eindeutige Antwort weiss. Ein sehr schwieriges und interessantes Problem, das ich bisher erst auf zweiundvierzig Möglichkeiten reduzieren konnte.„ Senbein mischte sich ein, sein Pferd bereits langsam in Richtung Brücke treibend. „Nur aus Interesse, wie lautete diese Frage?„ Der Troll schüttelte den Kopf. „Das kann ich euch nicht sagen. Ich muss erst die richtige Antwort finden, bis ich die Frage wieder weiss. Nur Frage und Antwort zusammen ergeben einen Sinn, wie bei einer Gleichung auch nur beide Seiten zusammen einen Sinn ergeben.„ Nimda zuckte mit den Achseln und trieb ihr Pferd ebenfalls zur Brücke. „Dann noch viel Spass beim Denken, Herr Troll, und tschüss.„ Sie überquerten die Brücke und folgten weiter dem Weg, der ihnen dank eines eklatanten Mangels an Abzweigungen auch gar keine andere Wahl liess. Wenigstens war er hier wieder so breit, dass sie nebeneinander reiten und sich unterhalten konnten. „Dieser Troll verschleudert da doch ein grosses Talent.„ meinte Nimda. „Wenn ich zu den Intelligentesten meiner Spezies gehören würde, würde ich mich um andere Dinge kümmern, als über esoterische Spitzfindigkeiten und das alles nachzudenken.„ Senbein widersprach. „Erstens gehörst Du meines Wissens zu den Intelligentesten deiner Spezies, also wirst Du wohl selber am besten wissen, worüber es sich lohnt, nachzudenken. Zweitens haben Trolle nunmal keine technische Kultur, das am höchsten entwickelte Werkzeug, das sie kennen, ist die Keule. Da bleibt dann eben viel Raum für Geisteswissenschaften, ein Raum, den wir Zwerge nicht haben, weil wir doch schon sehr in technischen Bereichen gefangen und eher naturwissenschaftlich orientiert sind. Vorausgesetzt natürlich, man kann überhaupt denken, da scheint dieser Vertreter seiner Art eine rühmliche Ausnahme zu sein, nach allem was ich weiss. Aber lass uns hier kurz rasten, ich muss mal für kleine Zwerge und Zeit, etwas zu essen, ist es auch.„

Sie lenkten die Pferde an den Wegrand und stiegen ab. Abwechselnd verschwanden Sie kurz im Gebüsch, während der jeweils andere Wache hielt. Das anschliessende, schnell eingenommene Mahl bestand aus etwas Schinken, ein paar Tomaten und Käse, wobei die Tomaten schon ziemlich unter dem doch etwas rauhen Transport auf dem Rücken eines Packpferdes gelitten hatten. Erfreulicherweise war ihr Vorrat an diesen Früchten aber ohnehin eher gering, so dass kein grösserer Schaden zu befürchten war. Während des Essens wechselten sie nicht viele Worte, sondern konzentrierten sich aufs Kauen, denn sie wollten so schnell wie möglich weiter. Nimda wischte eine vorwitzige Fliege beiseite und schaute ihr dann irritiert hinterher. „Seltsam. Die hatte einen ganz hellen Kopf, der irgendwie fast zwergisch aussah.„ Senbein sah kaum auf. „Kann schon sein. Hier in der Gegend hat es vor langer Zeit einen magischen Unfall gegeben. Da sind in der Folge einige seltsame Dinge mit den Wesen hier geschehen. Lass uns einfach schnell weiter.„ Sie stiegen wieder auf ihre Pferde und setzen den Weg fort, nicht merkend, dass die Fliege sich mittlerweile in einem Spinnennetz verfangen hatte. Die leisen Hilferufe wurden vom Hufgetrappel übertönt.

Stunden später wurde es langsam dunkel und sie beschlossen, an diesem Tag nicht mehr weiterzureiten. Senbein blickte zum Himmel, oder vielmehr zu dem in viele kleine Stücke zerrissenen Ausschnitt des Himmels, den die Baumkronen übrigliessen. „Das Wetter sieht gut aus, da werden wir das Zelt gar nicht brauchen. Das spart dann morgen früh eine Menge Zeit beim Aufbruch.„ Sie nahmen den Pferden die Sättel und das Zaumzeug ab und entluden das Packpferd. Nach einem ordentlichen Gutenachttrunk hüllten sie sich in ihre Decken und schliefen beinahe auf der Stelle ein. Ein wenig später wurden sie von einem gellenden Schrei geweckt, schliefen jedoch nach einigen Minuten wieder ein, nachdem sie nicht feststellen konnten, woher der Schrei kam, oder was die Ursache gewesen sein konnte. Es war weit nach Mitternacht, als sie erneut geweckt wurden, diesmal von einem überraschenden Platzregen, der sie veranlasste, das Zelt doch noch aufzubauen. Der Rest der Nacht verlief ereignislos und sie erwachten am nächsten Morgen vom rasch heller werdenden Licht und dem Lärm der Vögel. Das Frühstück bestand lediglich aus Wasser und Brot und nachdem sie das Zelt abgebaut und die Pferde gerüstet hatten, machten sie sich wieder auf den Weg. Senbein seufzte. „So ganz ans Reiten gewöhnt bin ich dann doch nicht. Mir schmerzen Muskeln, von denen ich nicht einmal wusste, dass ich sie besitze.“ „Das geht mir genauso. Hoffentlich holen wir den Schurken bald ein. Wenn wir ihm ganz bis Käse folgen müssen, wird es ganz schön ungemütlich und wenn mir ungemütlich wird, werde ich ungemütlich. Ich würde wirklich zu gern wissen, was dieser Kerl gegen magische Ringe hat. Da muss doch zumindest eine halbwegs interessante Geschichte dahinterstecken.“ Nimda seufzte. „Naja. Vielleicht erfahren wir mehr, wenn wir ihn erwischt haben“.

Am frühen Nachmittag stiessen sie auf ein Pferd, dass einsam am Wegrand stand und von dem spärlichen Gras frass, das an manchen Stellen den Boden bedeckte. Es war unklar, wie lange das Tier schon hier war, sein Blick wirkte etwas gehetzt und Mähne und Schweif waren arg zerzaust. Senbein stieg ab und näherte sich ihm vorsichtig. „Da hat unser Freund wohl einen schweren Fehler gemacht. Er hat das arme Ding fast zu Tode geritten und dann einfach zurückgelassen. Jetzt hat er kein Ersatztier mehr und muss um Einiges vorsichtiger und damit langsamer reiten, um das andere Tier nicht auch noch zu verlieren. Das bedeutet, dass wir ihn vielleicht doch noch vor Käse einholen können. Wenn ich nur wüsste, wie klein oder gross sein Vorsprung wirklich ist.“ Er tätschelte das Tier und sprach ein paar beruhigende Worte. Dann griff er nach dem Zaumzeug und führte es langsam zu den anderen Pferden, worauf ein reges Begrüssungbeschnuppern begann. Der Neuzugang schien sich dadurch zu beruhigen und nach einiger Zeit beschlossen sie, den Weg fortzusetzen, nun mit insgesamt sieben Tieren, die es irgendwie verstanden, ihre gemeinsame Vorwärtsbewegung selbständig zu koordinieren. Sie verfielen zunächst nur in leichten Trab, um den Neuling zu schonen, aber als sie merkten dass dieser keine Probleme mit dem Tempo hatte, zogen sie etwas an und erreichten so annähernd die Geschwindigkeit des Vortages.

Der Tag verlief ansonsten ereignislos. Die Eintönigkeit des schier endlosen Waldes wurde nur selten von Lichtungen und Windbrüchen gestört und es war schwierig, festzustellen, welche Fortschritte sie machten. Nimda grübelte. „Sobald wir zurück sind, werde ich dafür sorgen, dass dieser Weg markiert wird, damit man weiss, welche Strecke man schon zurückgelegt hat und wieviel noch vor einem liegt. Es macht mich ganz nervös, nicht genau zu wissen, wo wir sind.“ Senbein nickte. „Der Hinweis, dass wir im Oberwald sind, nützt sicher nicht viel bei einem Wald dieser Grösse. Vielleicht könnte man mit einfachen Farbmarkierungen an den Bäumen schon eine Menge erreichen.“ „Ich dachte eher an Wegsteine, wie sie andernorts auch üblich sind. Einfache Markierungen sind unzuverlässig, Bäume können umstürzen und Scherzbolde könnten ihren Schabernack mit den Marken treiben. Nein, ich bin für soliden Stein, der ist wenigstens halbwegs fälschungssicher und kommt nicht so leicht weg. Übrigens geht die Sonne bald unter, wir sollten langsam nach einem Rastplatz Ausschau halten.“ Wenig später kamen sie an einer geeigneten Lichtung an und schlugen dort das Nachtlager auf. Diesmal von Anfang an mit Zelt. Senbein gelang es innerhalb einer Stunde, ein Kaninchen mittels einer Schlinge zu fangen und sie machten ein Feuer, um die Beute zu braten. Bald zog der Geruch gebratenen Fleisches über die Lichtung und liess den Zwergen das Wasser im Mund zusammenlaufen. Während sie noch assen, war auf einmal ein Rauschen und lautstarkes Flattern in der Luft, begleitet von weiteren Geräuschen, die entfernt wie Fluchen klangen. In den Baumwipfeln am Rande der Lichtung brachen Zweige und ein riesiger Körper erschien, hilf- und nutzlos mit den Flügeln schlagend und krachte mit ziemlicher Wucht in den Boden direkt vor Senbein und Nimda. Es war unverkennbar ein Drache, grün und golden glänzten seine Schuppen im Schein des Lagerfeuers, der fast sechs Meter lange Körper war im Schmerz gekrümmt und ein Hinterlauf stand seltsam gerade vom Leib weg. Die Zwerge sprangen auf und griffen nach ihren Waffen, doch der Drache machte keine Anstalten, anzugreifen, sondern schien eher hilflos und in Schmerzen gefangen. Senbein löste sich als erster aus seiner angespannten Haltung, trat einen Schritt näher an das Tier heran und sprach ihn probehalber in der Hochsprache an: „Guten Abend, Herr Drache. Seid ihr verletzt? Können wir euch helfen?“ „Herr König, gut euch zu fehen. Fmog ist mein Name. Welch ein Miffgeffick, daff daf aufgerechnet mir paffieren muff.“ Der Drache hatte offenkundig Schwierigkeiten, seine Zunge so zu bewegen, dass sie nicht auf Kollisionskurs mit den übergrossen Zähnen geriet, die in überraschend hoher Zahl und Schärfe aus seinen Kiefern ragten. „Feht, wir Drachen brauchen magife Energie fum fliegen, unfere Flügel allein find fiel fu klein fum fliegen. Nun ift die magife Energie in diefer Gegend ohnehin fehr fwach und anbendf und in der Nacht wird fie noch fwächer. Ich bin fiel fu fpät lofgeflogen und in ein magifes Loch geraten. Daher der Abfturz und nun feint auch noch mein Bein gebrochen zu fein. Ich kann nicht einmal wieder ftarten wenn die Fonne aufgeht und die magife Energie furückkehrt. Ich bin ferloren.“ Nimda mischte sich ein. „Nur keine Aufregung, Smog. Ich bin Nimda und das ist mein Gatte Senbein. Wir werden uns zunächst euer Bein ansehen. Das kann leider ein wenig weh tun.“ Sie tastete das Drachenbein vorsichtig ab. „Das scheint wirklich gebrochen zu sein. Aber es ist wenigstens kein offener Bruch, das wäre wirklich schwierig. Aber ich fürchte, zum Richten des Bruches sind wir zwei Zwerge auch zusammen nicht stark genug. Da brauchen wir Hilfe. Senbein, hol doch bitte schnell zwei von den Pferden.“ Gesagt getan. Mittels der Pferde und eines Seil gelang es ihnen, den Bruch einzurichten. Das gestaltete sich einigermassen schwierig, denn die Tiere waren in unmittelbarer Nähe des ungewohnten Drachens sehr unruhig und brauchten viel gutes Zureden. Senbein fällte dann zwei junge Tannen und entastete sie, so dass brauchbare Schienen entstanden, die dann mit Hilfe einer in Streifen geschnittenen Reservedecke so am Bein befestigt wurden, dass sie den gebrochenen Knochen stützten und fixierten. „Das müsst ihr nun einige Zeit so tragen, Smog. Ich weiss ja nicht, wie schnell solche Verletzungen bei eurer Art heilen, bei uns Zwergen sind es vier bis fünf Wochen und danach muss man sich noch einige Zeit schonen und das Glied nur mässig belasten. Aber sagt, warum seid ihr denn überhaupt in diese Lage gekommen, wenn ihr wisst, dass das Fliegen in der Dämmerung unzuverlässig ist?“ Smog schnaufte und zwei Ringe aus russigem Qualm stiegen aus seinen Nüstern auf. „Ich hatte heute unerbetenen Befuch in meiner Höhle, alf ich auf meinem Hort lag und meinen Mittagfflaf hielt. Diefer Befuch hat ein Fmuckftück auf meinem Fatz geftohlen und ich war fo wütend, daf ich bei der Fuche nach dem Dieb die Zeit vergeffen habe und auf dem Rückflug bin ich dann halt in die Dämmerung gekommen. Ihr habt nicht zufällig einen fehr kleinen Menfen gefehen, vielleicht ein Kind?“ Senbein war bei der Schilderung ziemlich unruhig geworden. „Das hört sich an, als wäre das weder Kind noch Mensch, sondern ein Hänfling. Und ich kenne eigentlich nur einen Hänfling, der in frage kommt. Euer Schmuckstück war nicht zufällig ein Ring mit besonderen Eigenschaften?“ „Ein Ring war ef fon, nur weif ich nicht, ob er fpezielle Qualitäten hat. Daf kann man ja nur feftftellen, wenn man den Ring trägt und diefer Ring ift viel zu klein, um auf meine Klauen fu passen. Drachenringe find viel gröfer.“ Senbein ging auf und ab. „Das passt nur zu gut. Das war ganz bestimmt dieser Brado, sieht so aus, als sammle er Ringe auf seine Art. Da werden die dreizehn, mit denen er bei uns auftauchte, sicher auch nicht so rechtmässig sein Eigentum sein, wie er behauptet hat. Der Dieb der Ringe, pah. Wie weit ist euer Hort denn von hier entfernt, Smog? Wir dachten eigentlich, wir wären dem Schuft schon direkt auf den Fersen, aber wenn er sogar noch die Zeit findet, kleine Umwege zu machen, scheint seine Flucht ja gut voranzugehen.“ Nimda mischte sich kurz ein. „Es kann sein, dass er gar nicht damit rechnet, noch verfolgt zu werden. Sein Vorsprung war ja erheblich und da wir nicht genau wissen, wie weit er gekommen ist, stehen wir auf ziemlich schwankendem Boden.“ Smog rollte sich vorsichtig zusammen, um das verletzte Bein zu schonen. „Mein Hort ift ein gute Flugftunde von hier entfernt, dort wo fich ein kleiner Berg aus dem Wald erhebt. Vielleicht etwaf auffällig, aber bifher bin ich von neugierigen Befuchern verfont gewesen. Diefer Hänfling muff auch ein guter Kletterer fein, fo leicht kommt man an meine Höhle nicht heran. Ich weif auch gar nicht, wiefo ich nicht aufgewacht bin, alf er den Hort berührte, in folchen Fachen bin ich normalerweife fehr empfindlich.“ Nimda fiel dabei etwas ein. „Smog, was ist das überhaupt für eine Geschichte mit dem Drachenhort? Wenn ihr, wie ihr so richtig sagt, mit dem Schmuck überhaupt nichts anfangen könnt, wozu hortet ihr denn dann all das Zeug?“ „Daf ift einfach erklärt. Wir Drachen lieben Gold und Gefmeide über allef. Ef ift fo angenehm auf den Fuppen und wir lieben ef, unf darin zu wälzen, darin zu wühlen und ef unf auf den Kopf praffeln zu laffen.“ Smog verdrehte verzückt die Augen und seufzte, wobei erneut zwei nicht gerade angenehm riechende Qualmwolken in die Luft stiegen. Senbein verzog das Gesicht. „Was für ein Brennstoff ist denn das, denn ihr für euer Feuer benutzt? Scheint ziemlich verunreinigt zu sein, wenn ihr mich fragt.“ „Daf ift nicht direkt ein Brennftoff. Wir müffen bestimmte Fachen effen und trinken, die dann im Magen in den eigentlich Brennftoff umgewandelt werden. Je fauberer diefe Dinge find, defto fauberer ift auch der Brennftoff. Leider gibt ef hier in der Gegend nur einen einzigen Steinölfee, zwei Tagereifen weiter füdlich. Der ift ziemlich verdreckt und daher ift auch mein Feuer fo ruffig und dreckig. Wenn ich richtig Feuer fpeie ift manchmal der Faden durch den Qualm gröffer als der Feuerschaden. Und fodbrennen verurfacht daf flechte Öl auch noch.“ Senbein dachte kurz nach. „Habt ihr es mal mit Spaltöl probiert? Das ist sehr sauber und dürfte nicht solche Probleme bereiten. Hört mal, ihr könnt ja ohnehin in den nächsten Wochen kaum für euch selber sorgen, da könnt ihr genausogut unser Dorf aufsuchen und euch dort erholen. Man wird euch dort sicher auch Spaltöl versuchen lassen und wenn das für euch verträglicher ist als Steinöl, kommen wir sicher ins Geschäft. Ob wir uns nun ein Fass mehr oder weniger liefern lassen, spielt kaum eine Rolle.“ Natürlich hatte Senbein dabei einen Hintergedanken. Ein Drache, mit dem man Geschäfte machte, stellte schliesslich eine geringere Gefahr dar, als ein Drache, der unkontrolliert in relativ geringer Entfernung vom Dorf sein Wesen trieb. Mittlerweile war es spät geworden und die Zwerge zogen sich in ihr Zelt zurück, während der Drache sich noch fester zusammenrollte und an Ort und Stelle auf dem Boden schlief.

Am nächsten Morgen war es stark diesig und es fiel leichter, aber unangenehm durchfeuchtender Nieselregen. Es hatte auch deutlich abgekühlt und war für einen Sommertag einfach zu kalt. Das drückte etwas auf die Stimmung beim Frühstück, das wiederum nur aus Wasser und Brot bestand, was die Stimmung nicht gerade besserte, denn die Zwerge waren ein deutlich reichhaltigeres Mahl zu dieser Tageszeit gewöhnt. Der Abschied vom Drachen, der sich tatsächlich humpelnd und leise jammernd in Richtung Zwergendorf aufmachte, fiel entsprechend knapp aus und nachdem das feuchte Zelt unter Mühen abgebaut und verstaut war, machten sich Nimda und Senbein wieder auf den Weg, in der Hoffnung, es möglichst schnell zur Drachenhöhle zu schaffen, denn dann konnten sie erstmals eine grobe Schätzung wagen, den Vorsprung des Hänflings zu bestimmen, der hoffentlich kleiner geworden war.

Gegen Mittag erreichten sie dann eine Stelle, an welcher der Wald sich lichtete und den Blick auf einen in nicht allzuweiter Entfernung liegenden Berg freigab. Nimda strengte ihre Augen an und tastete den Berg Punkt für Punkt mit Blicken ab. „Seltsam. Keine Spur von einer Drachenhöhle zu sehen. Brado - wenn das denn überhaupt sein richtiger Name ist - muss gewusst haben, dass dort ein Drachenhort liegt. Das kann keine zufällige Entdeckung sein.“ Senbein nickte zustimmend. „Das macht unsere Sache nicht einfacher. Wenn wir den Kerl nicht vor Käse erwischen, wird es schwierig, vorherzusagen, welchen Weg er nimmt. Möglicherweise will er gar nicht direkt zum Schnüffel, wie er sagte, sondern nimmt den einen oder anderen Umweg in Kauf, um noch weitere Ringe mitzunehmen. Falls der Schnüffel überhaupt jemals sein Ziel war. Auch das ist sehr ungewiss geworden. Wenn die Angaben des Drachen stimmen, ist es ziemlich genau einen Tag her, dass er hier war. Das bedeutet, sein Vorsprung ist grösser geworden, statt kleiner. Ein weiteres Problem.“ „Aber dagegen können wir etwas tun. Bisher haben wir die Pferde sehr pfleglich behandelt. Wir könnten anfangen, zwischendurch auch mal zu galoppieren und als Ausgleich die Tiere alle paar Stunden auswechseln. Das bringt uns einiges an Geschwindigkeit.“ Doch es zeigte sich, dass dieses Vorhaben nicht verwirklicht werden konnte. Im Galopp versagte die Fähigkeit der Pferde zur Selbstorganisation, die in niedrigeren Gangarten so ausgeprägt war und die Versuche, schneller voranzukommen, ähnelten mehr einer Stampede. Sie einigten sich also recht schnell darauf, es doch lieber weiter mit dem schnellen Traben zu versuchen und ritten entgegen der bisherigen Vorgehensweise auch bis in die Dämmerung hinein. Wieder fanden Sie eine Lichtung, auf der sie das Zelt aufschlagen konnten, allerdings war ihnen das Jagdglück nicht hold und das Abendessen bestand aus dem gewohnten Dörrfleisch, Schinken, sowie Käse und Gurken. Während sie so am Lagerfeuer sassen, die Teebecher in der Hand, ertönte aus der Richtung, aus der sie gekommen waren, Hufgetrappel, das rasch näher kam und schliesslich erschien ein Reiter, der sein Pferd angesichts des Feuers zum Stillstand brachte. In der beginnenden Dunkelheit waren nicht viele Einzelheiten auszumachen, Ross und Reiter bildeten eine grosse, nachtschwarze Silhouette, aus der nur die zwei unheimlich funkelnden Augen der menschenähnlichen Gestalt hervorstachen. Ein leises Schnaufen war zu hören, von dem unklar war, ob es zu Mann oder Pferd gehörte. Der Fremde starrte lange Zeit regungslos zum Lagerfeuer herüber und schwang sich schliesslich aus dem Sattel. Dabei blieb er mit dem Fuss im Steigbügel hängen und fiel flach auf die Brust. Das Geräusch, mit dem die Luft aus seinen Lungen wich, war bis hinüber zu den Zwergen zu hören. Einige Zeit geschah nichts weiter, dann rappelte die Gestalt sich wieder hoch, sah kurz zu Senbein und Nimda herüber, als wäre ihr die Sache ausgesprochen peinlich und begann dann, lautstark an dem Gebüsch auf der gegenüberliegenden Seite des Weges zu schnüffeln. Es war nicht zu überhören, dass er deutliche Schwierigkeiten mit der Atmung hatte. Nach einer Weile kehrte er zu seinem Pferd zurück, schwang sich ohne weiteren Zwischenfall in den Sattel, gab dem Tier die Sporen und war verschwunden. Nimda schaute Senbein an. „Was war denn das? Das war ja eine unheimliche Begegnung. Er hätte wenigstens ein Wort der Beruhigung sagen können.“ „Komischer Kauz. Ich möchte gerne wissen, was es dort im Gebüsch zu schnüffeln gab. Wen oder was mag er dort gesucht haben? Hoffentlich nicht unseren Freund Brado, mit dem würde ich gerne sprechen, bevor ihm andere aufgebrachte Opfer etwas brechen.“ Nimda nickte. „Mich würde auch interessieren, wo dieser Reiter herkam. Aus unserem Dorf sicher nicht, und sonst gibt es nur noch den einen Weg nach Norden, der irgendwo im Nirgendwo endet. Er kann ja wohl schlecht mitten im Wald aufgetaucht sein.“ „Ich weiss es auch nicht. Lass uns lieber zu Bett gehen, wir sollten morgen so früh wie möglich weiter.“ Er kuschelte sich an sie. „Nichts da. Hier ist mir heute viel zu viel Betrieb. Wir sollten sicherheitshalber abwechselnd Wache halten.“ Damit erhob sich Nimda, um ihre Waffe zu holen. „Ich übernehme freiwillig die erste Runde. Schlaf schön.“ Sie setzte sich wieder ans Feuer und legte noch einige Äste nach. Senbein begab sich alleine ins Zelt und schlief nach einigem Gegrummel doch recht zügig ein.

Der nächste Vormittag brachte etwas Abwechslung in das Einerlei des Waldes. Der Baumbestand wurde langsam lichter und der Boden immer feuchter und schliesslich fanden sie sich in einem Sumpfgebiet, in dem nur noch vereinzelt Bäume wuchsen und das von vielen Wasseradern und Seen durchzogen war. Ein verhältnismässig dichter Nebel lag über der Landschaft und dämpfte alle Geräusche. An Traben war nicht mehr zu denken, langsames Schritttempo war angesagt, um nicht im Nebel den schmalen Weg zu verlieren und in den Sumpf zu geraten. Der Weg selbst wurde immer schwieriger und schlammiger und war schliesslich nur noch an den Stangen zu erkennen, die zur Markierung in den Boden gerammt waren. Gegen Mittag erreichten sie eine Stelle, an der die Stangen unvermittelt abschwenkten und wollten ihnen schon folgen, als Senbein etwas auffiel. „Halt. Hier stimmt etwas nicht.“ Er stieg vom Pferd und untersuchte den Boden vor ihnen. „Hier ist eine Vertiefung im Boden, als hätte hier auch eine Stange gesteckt. Und hier noch eine. Irgendjemand hat einfach die Stangen versetzt um uns in die Irre zu führen.“ Nimda stieg ebenfalls ab und sah sich die Sache an. „Tatsächlich. Netter Versuch. Fragt sich nur, wer das war. Müssen wir jetzt davon ausgehen, dass Brado weiss, dass er verfolgt wird? Oder hat er das nur auf Verdacht getan? Jedenfalls dürfte es ihn eine schöne Menge Zeit gekostet haben, die Stangen umzustecken. Das kann für uns nur von Vorteil sein.“ Sie stiegen wieder auf die Pferde und folgten langsam und vorsichtig der Spur der Vertiefungen. Nach einiger Zeit tauchten aus dem Nebel wieder richtige Markierungen auf und sie konnten wieder etwas beschleunigen. Den Reiter mit dem weissen Büffelfell, der ihnen in einiger Entfernung gefolgt war, hatten beide nicht bemerkt und dieser blieb schliesslich auch zurück, nachdem sie sicher wieder auf dem Weg waren. Der Sumpf zog sich schier endlos dahin und der Weg war mal mehr, mal weniger gut bereitbar und sie kamen nur mit relativ grosser Mühe voran. An einer Stelle, die einigermassen trocken und breit war, trafen sie auf ein seltsames Wesen am Wegesrand, das aussah wie ein erheblich zu klein und zu dick geratener Elf. Senbein und Nimda zügelten die Pferde und hielten an. „Zum Grusse, wir sind auf der Suche nach einem Hänfling, der vor einiger Zeit hier vorbeigekommen ist. Habt ihr den vielleicht gesehen und, wenn ja, wann war das?“ Der zwergwüchsige Elf wandte sich ihnen zu „Euch grüssen, Doyo tut es. Gesehen einen Fremden, ich habe es. Frühmorgens vorbeigekommen, er ist es. Unhöflich gewesen, er ist es. Nicht beachtet Doyo, er hat es. Der Weisheit nicht lauschen, er wollte es.“ Nimda und Senbein sahen sich, dann ergriff Senbein das Wort. „Wir danken euch, Doyo. Welche Weisheit habt ihr denn anzubieten?“ „Mit der Kraft umzugehen, euch lehren, ich kann es. Am Boden den Stein, sehen, ihr sollt ihn.“ Doyo streckte eine Hand in Richtung Stein aus und dieser hob sich langsam aber sicher in die Luft, beschrieb einen Bogen und fiel dann, wie unter seinesgleichen üblich, wieder zu Boden. „Sehr beeindruckend.“ Nimda hob die Hand in Richtung Stein und schaute ihn an. Wieder stieg der Stein in die Luft und fiel nach kurzem Verharren wieder hinunter. „Ich will euch ja nicht zu nahe treten, Doyo, aber unter uns Zwergen beherrscht fast jeder solche Elementarzauber, wenn denn genügend Zauberenergie verfügbar ist. Und für so einen kleinen Stein braucht es nicht viel. Ich fürchte wir müssen euer Angebot dankend ausschlagen.“ Sie wandte sich Senbein zu. „Lass uns weiter.“ Ein kurzer Schenkeldruck und ihr Pferd setzte sich in Bewegung. Als sie ausser Hörweiter waren, wandte sich Senbein seiner Frau zu. „Das war aber sehr riskant. Du weißt, wieviel Wert wir normalerweise darauf legen, dass unsere Fähigkeit, kleine Zauber zu bewirken, nicht bekannt wird.“ „Er wird uns schon nicht verraten. Und ausserdem, wer wird diesem kleinen Angeber schon glauben? Im Übrigen habe ich nie verstanden, warum wir diese Begabung ständig verstecken sollen.“ Senbein wollte aufbrausen, überlegte es sich dann aber schnell anders. „Weil wir Zwerge sind und es ohnehin schon nicht allzuviele von unserem Volk gibt. Wenn die Menschen, und unter ihnen insbesondere die Menschenzauberer, erfahren, dass praktisch jeder Zwerg mehr oder weniger gut mit einfachen Elementarzaubern umgehen kann, gibt es Ärger. Sie dulden keine Konkurrenz und werden immer danach trachten, sie auszuschalten. Also ist es besser, vorsichtig zu sein. Den einen oder anderen Zwergenzauberer könnten sie vielleicht noch verkraften, aber ein ganzes Volk, das wird ihnen zuviel, selbst wenn wir nicht all die mächtigen Zauber der Menschenzauberer kennen, sondern nur die grundlegenden. Auch damit kann man eine Menge anstellen.“ Nimda seufzte. „Jaja, schon gut. Es hat mich nur gereizt, diesem selbsternannten Guru eins auszuwischen. Normalerweise komme ich schon ganz gut ohne Zauberei aus. Oh, schau, es sieht aus, als kämen wir langsam aus dem Sumpf heraus. Dann kann Käse nicht mehr weit sein.“ In der Tat wurde der Boden jetzt wieder trockener und besser begehbar. Das beeindruckende Zuviel an Feuchtigkeit, das sie die letzte Zeit begleitet hatte, wich zurück und auch der Nebel lichtete sich zusehends. Nicht lange, und sie waren wieder von Wald umgeben, aber nicht für lange. Nach einer weiteren guten Stunde hörte die Bäume plötzlich auf und sie fanden sich auf einer grasbewachsenen Ebene, die nur von vereinzelten Büschen unterbrochen wurde. In der Ferne stieg Rauch in mehreren dünnen Fahnen auf.

„Das dort hinten muss Käse sein,“ meinte Nimda. „Eine Stunde noch, vielleicht anderthalb und wir sind da. Leider soweit keine Spur von unserem Freund. Hoffentlich ist er überhaupt noch in der Gegend.“ Senbein nickte. „Hoffentlich. Er weiss es noch nicht, aber vielleicht ahnt er es, das in diesem Fall er das Hühnchen ist, das gerupft wird.“ Der Weg wurde nun so breit, das zwei Menschenwagen nebeneinander Platz hatten und sie kamen an bestellten Feldern und rinderbestandenen Wiesen vorbei. Hin und wieder sahen sie Menschen, die neugierig zu ihnen herüberstarrten, denn es kam relativ selten vor, dass die Zwerge aus Bergdorf sich in den Niederlassungen der Ebene blicken liessen. Wenn, dann waren es die Handel treibenden Zwerge, die mit ihren Gespannen unterwegs waren und ausser zum handeln nie lange irgendwo blieben. Es sollte allerdings auch Zwerge geben, die sich dauerhaft unter die Menschen gemischt hatten, aber das geschah hauptsächlich in den grossen Städten der Küste. Hier im tiefen Binnenland ging man noch traditionell getrennte Wege und in einer knapp zehntausend Einwohner fassenden Stadt wie Käse mochte es vielleicht gerade mal zwanzig Zwerge geben. Trotzdem waren alle es gewohnt, Käse als Schmelztiegel der Spezies anzusehen, denn hier fand ein Grossteil des Austausches zwischen den verschiedenen Völkern und Wesen statt. Elfen, Zwerge, Trolle, Gnome, gelegentlich auch Riesen, sie alle trafen hier aufeinander und sorgten für interkulturellen Ausgleich. Es war fraglich, ob ein Hänfling hier gross auffallen würde.

Inzwischen waren sie der Stadt ein ganzes Stück näher gekommen. Nimda schnupperte und verzog leicht das Gesicht. Das hatte Senbein gesehen und er konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. „Ich sehe, du hast gerade herausgefunden, warum dieser Ort Käse heisst. Das liegt daran, dass über achtzig Prozent des Käses, der in dieser Provinz hergestellt wird, von hier stammt. Das hinterlässt natürlich deutliche Spuren in der Luft, wenn der Wind günstig steht. Aber nach ein paar Stunden nimmt man den Geruch gar nicht mehr war, auch wenn er einem noch tagelang in den Kleidern haftet.“ „Das ist mal wieder typisch menschlich. In allem müssen sie so übertreiben, dass es lästig wird. Die würden auch eine ganze Stadt voller Schmieden errichten, ohne Rücksicht darauf, dass in all dem Qualm keiner mehr atmen kann. Da gehen wir doch einigermassen sorgsam mit unseren Ressourcen um.“ Senbein nickte. „In einer ihrer Religionen heisst es ´Ihr seid die Herren der Erde´ und dass wollen sie jetzt allen zeigen. Es ist vor allem ihre Rücksichtslosigkeit, nicht nur in diesen Dingen, die sie zum zahlreichsten Volk der Welt werden liess. Aber auch sie werden eines Tages die Grenzen des Wachstums erkennen müssen.“ Die ersten Häuser der Stadt lagen nun unmittelbar vor ihnen, eines davon war an dem im leichten Wind schaukelnden Schild eindeutig als Rasthaus erkennbar. „Zum geflickten Pony? Was für ein seltsamer Name. Aber es wird guttun, zur Abwechslung mal wieder in einem richtigen Bett zu schlafen.“ Nimda stieg vom Pferd und führte es auf die neben dem Gebäude gelegene Koppel. Gemeinsam entluden sie die Pferde und brachten das nicht unmittelbar benötigte Gepäck in einem wettergeschützten Regal an der Hauswand unter. Sie nahmen ihre Tornister mit der Ersatzkleidung und dem Waschzeug, sowie ihre Waffen und betraten die Gaststube.

„Na Herr König, seid ihr auf Hochzeitsreise oder warum ist eure Gattin bei euch?“ Ein ziemlich dicker Mann, den eine fleckige Lederschürze eindeutig als Wirt auswies brüllte quer durch den mässig gefüllten Raum zu ihnen herüber. Senbein und Nimda hatten keine Lust ebenfalls zu schreien und gingen näher heran. „Reise ja, Hochzeit nein. Ich bin Nimda und das ist mein Gemahl Senbein. Wir hätten gerne ein Zimmer für die Nacht, zwei Bier und etwas zu essen und wenn wir gegessen haben, hätten wir noch eine oder zwei Fragen.“ Der Wirt kratzte sich am Kopf. „Ich habe kein Zimmer mit Zwergenbetten für euch. Aber das wäre wohl auch eher umgekehrt ein Problem. Hier ist euer Schlüssel und mich nennt man Altmann, wenn man mich nicht einfach nur ´Dicker´ ruft. Ich hasse es, so genannt zu werden, aber die Leute bestehen darauf, es zu tun. Setzt euch schonmal hin, das Bier und die Karte kommen gleich“ Er reichte ihnen einen Schlüssel mit einem sehr einfachen Bart, der erkennen liess, dass das zugehörige Schloss einem einfachen Stück Draht nicht viel entgegenzusetzen hatte. Sie brachten ihr Gepäck auf das Zimmer, gingen wieder hinunter und suchten sich dann einen Tisch an der Wand, etwas abseits von dem mässig lauten Gemurmel, das die Gaststube durchdrang. Sie hätten lieber den Tisch ganz in der Ecke gehabt, weil sie dann beide hätten mit dem Rücken zur Wand sitzen können, doch dieser Tisch war besetzt von einem in einen weiten braunen Mantel gehüllten Gast, der die Kapuze tief in die Stirn gezogen hatte. Trotzdem konnten sie spüren, dass sie für kurze Zeit beobachtet wurden. Dann lehnte der Mann sich wieder zurück und die Anspannung wich. Altmann erschien mit dem Bier und einer Speisekarte, die deutlich mehr Flecken aufwies als seine Schürze. „Die östlichen Gerichte sind zur Zeit nicht zu empfehlen. Uns sind einige Gewürze ausgegangen und wir bekommen frühestens in vier Wochen eine neue Lieferung.“ Senbein nahm die Karte entgegen und warf einen kurzen Blick darauf . „Schade, so wie es aussieht wären die östlichen Gerichte so ziemlich die einzigen, die nicht mit Käse überbacken sind. Da stehen sogar zwei Gerichte mit Rattenfleisch, wer mag sowas wohl essen? Ich glaube, ich nehme sicherheitshalber das Gemüsegratin, da weiss man wenigstens ungefähr, was drin sein soll und was nicht.“ Damit reichte er die Karte an Nimda weiter, die sich nach kurzem Überfliegen ebenfalls spontan für das Gratin entschied. Sie winkte Altmann zu, der nach wenigen Augenblicken am Tisch erschien. „Wir nehmen zweimal das Gemüsegratin und noch zwei Bier.“ „Welche Nummer? Ich muss die Nummer wissen, die vor dem Gericht steht. Der Koch spricht die Hochsprache nur ausgesprochen schlecht und kocht ausschliesslich anhand der Nummern“ Nimda schüttelte den Kopf und schaute nochmal in die Karte. „Dreiundzwanzig. Und Bier hat die Nummer fünf.“ Sie gab Altmann die Karte zurück und nahm einen Schluck Bier aus dem rasch leerer werdenden Humpen. „So langsam wird es jetzt spannend, ich hoffe doch, das wir hier eine Spur von dem Hänfling finden können, die uns die weitere Verfolgung erlaubt. Zu schade, dass wir ihn nicht schon auf dem Weg hierher eingeholt haben. Jetzt gibt es gleich drei Möglichkeiten, wohin er weitergeritten sein kann.“ „Es sind nur zwei Möglichkeiten, wenn er tatsächlich zum Schnüffel will. In dem Fall muss er ja zur Südküste und da kommen nur zwei Häfen infrage, Wassern und Kielholz. Also entweder südöstlich oder südwestlich und es sind beide Wege etwa gleich lang. Ich hoffe, wir finden hier jemanden, der gesehen hat, wo der Hänfling lang ist.“ Senbein lehnte sich zurück und widmete sich ebenfalls seinem Humpen. Nach verblüffend kurzer Zeit wurde das Essen serviert und sie assen überwiegend schweigend, während sie immer wieder spürten, wie sich von überallher Blicke auf sie richteten. Neugier war eine Eigenschaft, die Zwerge und Menschen teilten und daher scheuten die beiden sich nicht, zurückzugucken, wann immer es angemessen erschien. Als das Mahl beendet war und Altmann kam, um das Geschirr abzuräumen, stellte Senbein ihm die wichtigste Frage des Tages. “Sagt, Herr Altmann, ist hier in letzter Zeit, entweder heute oder gestern ein Hänfling vorbeigekommen, der es vermutlich sehr eilig hatte?“ „Tut mir leid, hier ist niemand vorbeigekommen. An einen Hänfling würde ich mich erinnern.“ Nimda und Senbein schauten sich enttäuscht an. „Nun gut, das lässt sich nicht ändern. Dann müssen wir wohl auch noch die anderen Rasthäuser in der Stadt abklappern. Noch eine letzte Frage, bevor ihr uns noch zwei Humpen Bier bringt: Woher der seltsame Name dieses Etablissements?“ Altmann kratzte sich am Kopf. „Das ist eine unangenehme Geschichte. Früher hiess der Laden noch anders, aber es gab einen Namensrechtsstreit mit einem Rasthaus gleichen Namens. Dabei ging unser Schild zu Bruch und wir mussten es flicken lassen. Daher das etwas seltsame ´geflickte´ in unserem neuen Namen.“ Altmann ging zurück zum Thresen und widmete sich wieder dem Ausschank. Senbein und Nimda wollten gerade anfangen, zu beraten, was nun zu tun sei, als der Fremde vom Nebentisch plötzlich aufstand und leicht schwankend zu ihnen herüberkam. „Darf ich fragen, was ihr mit Hänflingen zu tun habt?“ fragte er und hatte erkennbare Mühe, seine Zunge unter Kontrolle zu halten. Offensichtlich war er schon lange nicht mehr beim ersten Bier. Senbein blickte ihm fest in die Augen, soweit sie unter der Kapuze erkennbar ware. „Und darf ich euch fragen, was euch das angeht? Mein Name ist übrigens Senbein und das ist meine Frau Nimda. Habt ihr auch einen Namen?“ Der Fremde richtete sich gerade auf und zog seinen Mantel zur Seite, so dass ein Langschwert sichtbar wurde, das in einer Vollscheide steckte und dessen Griff trotz der mässigen Beleuchtung funkelte. „Man nennt mich Maler, ich bin ein Waldläufer und Krieger und ich bin hierhergesandt worden, um einen Hänfling zu treffen, dem ich bei einem gefährlichen Unternehmen Schutz gewähren soll.“ Der effektvolle Auftritt wurde durch das unübersehbare Schwanken ein wenig getrübt.

„Setzt euch, Herr Maler.“ meinte Nimda. „Ich glaube, es wird euch nicht gefallen, was wir euch zu erzählen haben. Aber es muss getan werden. Vielleicht wisst Ihr auch etwas über Hänflinge, oder vielmehr über einen bestimmten Hänfling, das uns weiterhelfen kann.“ Maler griff den Humpen von seinem Tisch, zog einen Stuhl heran und setzte sich zu den beiden. „Nun,“ begann Senbein. „wisst Ihr den Namen des Hänflings, den ihr hier treffen solltet?“ Maler nickte. „Der Name ist Brado und er soll vor einigen Wochen aus dem Bachgau aufgebrochen sein um neun magische Ringe zu vernichten. Ein Zauberer gab ihm den Auftrag, derselbe Zauberer, der mich bezahlt hat, um den Hänfling zu begleiten.“ Nimda unterbrach ihn. „Als er vor sechs Tagen in unser Dorf kam, wer weiss woher, hatte er dreizehn Ringe dabei. Als er uns völlig übereilt verliess, waren es schon vierzehn und kurze Zeit später bereits fünfzehn. Es sieht aus, als sammle er fleissig weitere Ringe.“ Maler wirkte überrascht. „Nach allem, was ich weiss, ist das nicht seine Aufgabe. Randolf der Zauberer sagte eindeutig, es ginge nur um diese neun Ringe der Macht. Aber so sind diese Hänflinge. Wenn sie sich denn schon einmal aus ihrem trauten Bachgau heraustrauen, so machen sie die verrücktesten Dinge, nur um bei der Heimkehr ordentlich angeben zu können. Der eine will einen Drachen getötet haben, der andere gleich die ganze Welt gerettet, und, und, und. Wundert mich nicht, wenn dieser Brado dann auf den Trip gekommen sein sollte, gleich alle Zauberringe der Welt vernichten zu wollen.“ „Und ihr wollt ihm auch noch dabei helfen. Da ist es ja schon eine fast angenehme Neuigkeit, dass ihr ihn vermutlich verpasst habt.“ Senbein wirkte verärgert. „Wisst ihr wenigstens, wohin er sich von hier aus wenden wird, oder gewandt hat?“ Maler schüttelte den Kopf. „Randolf sagte nur, ich würde den Hänfling hier treffen. Von weiteren Wegen war nicht die Rede. Jedenfalls habe ich nun die undankbare Aufgabe, diesen Brado zu finden und dafür zu sorgen, dass die neun ursprünglichen Ringe vernichtet werden. Was mit den anderen Ringen geschieht, geht mich nichts an. Ich nehme aber sicher an, dass ihr den euren wiederhaben wollt. Wenn ich darauf hinwirken kann, gerne, auch wenn das sicher nicht leicht wird, diese Hänflinge sind sehr dickköpfig.“ Malers Stimme bekam einen leicht weinerlichen Unterton. „Warum muss ich nur immer diese komplizierten Aufträge bekommen, warum nicht einmal etwas Leichtes, wie Herrn X von A nach B bringen, ohne dass die Wölfe an ihm knabbern. Aber nein, es muss ja immer mit Verwicklungen verbunden sein. Warum muss ausgerechnet mein Schützling ein Dieb sein und warum muss ich ihn ausgerechnet verpassen?“ Er leerte seinen Humpen und bedeutete Altmann, drei frische zu bringen. Senbeins Ärger legte sich wieder. Wenn dieser Mann generell so schwankende Stimmungen hatte, war er sicher keine allzugrosse Hilfe für den Hänfling, selbst wenn er Brado fand. Senbein fiel noch etwas ein: „Euer Schwert sieht sehr interessant aus, Herr Maler. Darf ich es mir einmal ansehen. Maler druckste herum. „Ungern. Sehr ungern. Es ist nicht in bestem Zustand.“ Das gilt auch für euch selber, dachte Nimda und mischte sich ein. “Senbein ist Waffenschmied, einer der besten, die wir haben. Er hat schon viele Waffen in schlechtem Zustand in der Hand gehabt und die meisten davon waren wieder wie neu, als sie seine Hand wieder verliessen.“ „Na schön. Randolf meinte, die Elfenschmiede könnten das in Ordnung bringen. Es ist zerbrochen, seht hier.“ Maler zog das Schwert aus der Scheide und tatsächlich war die Klinge nur knapp eine Elle lang und endete in einer unschönen Bruchstelle. Senbein nahm das Schwert in die Hand und zog die Augenbrauen in die Höhe. “Da wird auch ein Elfenschmied nichts ausrichten können. Das ist ein ziemlich altes Schwert, aber immerhin schon mit vierfach gefalteter Klinge. Man könnte das sicher mit Stumpfschweissen wieder zusammenfügen, aber die Klinge wäre dann an der Stelle sehr weich und nicht belastbar. Das bricht beim allerersten Schlag wieder an derselben Stelle. Nein, vergesst das Schwert. Gefaltete Klingen lassen sich nicht reparieren, wenn sie so gebrochen sind. Im übrigen sieht die Bruchstelle auch sehr merkwürdig aus, als wäre das Schwert von selbst zersprungen.“ Maler sah ihn mit einem merkwürdigen Blick an. „Noch mehr schlechte Nachrichten. Aber ihr nehmt es mir doch sicher nicht übel, wenn ich es trotzdem einem Elfenschmied zeige, sofern ich denn einen finde?“ Senbein lachte. „Macht was ihr wollt. Im Allgemeinen sind aber wir Zwerge bessere Schmiede als die Elfen. Die Elfenschmiede sind nur deswegen so beliebt, weil sie Zauber in die Waffen einschmieden können. Ohne den Zauber wären diese Waffen den unseren hoffnungslos unterlegen.“ Altmann brachte die nächste Lage Bier und sie schwiegen einen Moment, während sie den ersten Schluck nahmen. Nimda brannte noch etwas auf der Seele. „Wer ist eigentlich dieser Randolf, von dem ihr spracht, dieser geheimnisvolle Auftraggeber?“ Maler druckste wieder. „Ich weiss eigentlich nicht viel von ihm. Man nennt ihn Randolf den Roten, weil er immer mit einer schon etwas abgewetzten roten Robe durch die Lande zieht. Er kommt wohl viel herum und mischt sich in die Angelegenheiten der Völker und Spezies ein, bleibt aber nie lange und wirkt auch immer ein bischen gehetzt.“ „Und wie steht es um sein Zauberkraft? Wie mächtig ist er?“ „Das kann ich nicht sagen, ich habe ihn noch nie Zauber wirken sehen und allgemein sagt man, er setze seine Kräfte nur selten ein und erreiche seine Ziele eher mit Worten als mit Taten.“ Nimda nickte. „Das passt irgendwie ins Bild. Ein Zauberer der nicht zaubert, ein manisch-depressiver Waldläufer und ein diebischer Hänfling. Sagt, Maler, was sind nun eure Pläne? Gedenkt Ihr, den Hänfling zu suchen?“ „Gemäss meines Vertrages mit Randolf muss ich das. Wenn ich euch recht verstanden habe, versucht ihr auch, ihn zu finden. Vielleicht sollten wir uns zusammentun, ich verspreche, das ich alles tun werde, um Brado dazu zu bewegen, euren Ring wieder herauszurücken, sobald wir ihn finden.“ Senbein und Nimda sahen sich kurz an, nickten erst sich gegenseitig und dann Maler zu. „Einverstanden. Unser nächster Schritt wäre, zunächst einmal alle anderen Gasthäuser dieser Stadt abzuklappern um herauszufinden, ob Brado sich dort hat blicken lassen. Vielleicht gewinnen wir so einen Hinweis auf die Richtung, die er eingeschlagen hat.“ Nimda ergänzte: „Aber nicht mehr heute, es ist schon spät und ich werde langsam sehr müde. Auf die eine Nacht kommt es jetzt auch nicht mehr an.“ Maler erhob sich. „Dann ziehe ich mich jetzt bereits zurück, ich wünsche eine gute Nacht.“ Er stürzte den restlichen Inhalt seines Humpens hinunter und wankte zur Treppe. Nimda und Senbein sahen ihm hinterher. „Na, ich weiss nicht.“ meinte Nimda. „Wenn wir da mal nicht einen Fehler machen, indem wir uns mit ihm zusammentun. Von wegen Waldläufer und Abenteurer. Da steckt doch mehr dahinter.“ Senbein nickte. „Von dem her, was er tut, ist er ja wohl mehr ein Söldner im Dienste der Sache eines Zauberers, von dem wir nicht wissen, was seine Ziele sind. Wir werden sehen wo uns das hinführt. Nehmen wir noch ein letztes Bier?“ „Besser nicht. Noch ein Bier mehr und du fängst an, auf dem Tisch zu tanzen und ich denke, wir sollten jedes Aufsehen vermeiden. Lass uns lieber auch aufs Zimmer gehen und schlafen.“ Sie erhoben sich und gingen die Treppe hinauf. Auf halber Höhe verfehlte Nimda eine Stufe, stürzte und kullerte bis zum Treppenansatz zurück. Sie rappelte sich wieder auf, offenkundig unverletzt, aber alle Augen im Saal auf sie gerichtet. „Jaja, jedes Aufsehen vermeiden.“ murmelte Senbein halblaut, so dass nur Nimda es hören konnte, und eilte ihr zur Hilfe. Im zweiten Versuch schafften sie es dann doch die Treppe hinauf.

Der nächste Morgen brachte wieder einen nasskalten Tag mit sich, der nur den einen Vorteil hatte, dass es relativ windstill war. Das Frühstück von Altmann war um Klassen besser als die Speisen, die er seinen Gästen abends servierte und die Zwerge verbrachten einige Zeit damit, sich durch das reichhaltige Angebot zu futtern. Schliesslich erschien auch Maler im Gastraum und machte einen ziemlich verkaterten Eindruck. Er musste den gestrigen Abend schon recht lange dem Bier zugesprochen haben. Sembein beugte sich zu seinem Gepäck hinunter, das abmarschbereit neben dem Tisch stand und wühlte ein wenig herum. Schliesslich zog er ein längliches Stück Borke heraus, brach ein kleines Stück davon ab und reichte es Maler. „Hier, kaut das eine Stunde lang durch, dann geht es euch besser. Das ist Weidenrinde, etwas bitter aber sehr wirksam bei eurem Zustand.“ Maler nahm das Angebot dankbar an, verzog aber gequält die Mundwinkel, als er feststellte, wie bitter die Rinde wirklich war. Er frühstückte nur wenig und war auch deutlich wortkarger als am Abend zuvor. Senbein ergriff das Wort. „Nun, wie wollen wir es anstellen? Teilen wir uns auf und versuchen getrennt, etwas über Brados Verbleib herauszufinden, oder marschieren wir gemeinsam durch die Stadt?“ Nimda war nicht begeistert von dem Gedanken, allein durch eine fremde Stadt laufen zu müssen, auch wenn es sich nur um einen durchaus überschaubaren Ort mit gerade mal zwei Hauptstrassen handelte. „Gemeinsam sind wir beeindruckender als allein, da ist die Chance grösser, dass man uns überhaupt etwas erzählt.“ Maler nickte zustimmend. „Lasst uns zusammen bleiben. Das erspart auch lange Berichte. Suchen wir zunächst im Osten oder im Westen?“ Senbein holte eine Münze heraus und warf sie in die Luft. Sie landete auf dem Tisch und blieb aufrecht in der Butter stecken. „Ich nehme an, das bedeutet, wir sollen es zunächst im Süden probieren.“ meinte Nimda und hatte sichtlich Mühe, ein Kichern zu unterdrücken.

Sie liessen ihr Gepäck zunächst noch in Altmans Obhut und wanderten weiter auf dem Weg, auf dem sie gekommen waren und der nun die eine Hauptstrasse der Stadt bildete. Bald kamen sie an die Kreuzung mit der ostwestlichen Verkehrsader, eine ziemlich belebte Angelegenheit und es schien als hätten sich sämtliche Einwohner der Stadt hier für den frühen Vormittag verabredet. Die Strassen weiteten sich hier zu einem Platz, auf dem Stände und Buden aufgebaut waren und alle möglichen Waren feilgeboten wurden. Mühsam bahnten die drei sich ihren Weg durch das Getümmel, immer wieder aufgehalten von Strassenhändlern, die ihre Waren feilboten. Als besonders hartnäckig erwies sich dabei ein Mann, der heisse Würstchen in Brotstücken anpries, die sich insbesondere durch ihre Färbung nicht gerade zum Verzehr anboten. Sie verzichteten dankend und eilten weiter. Das „Die treiben mich noch in den Ruin“, das der Händler ihnen hinterherzischte, hörten sie schon nicht mehr. Hinter der Kreuzung liess das Getümmel langsam nach und im Laufe von ein paar hundert Metern auch die Bebauung. Das Gasthaus war schon von weitem zu erkennen. Senbein seufzte. „Zur tänzelnden Trommel. Wer denkt sich eigentlich immer diese Namen aus? Hoffentlich haben wir hier Glück.“ Sie betraten die Gaststube und wandten sich an den Mann hinter dem Tresen, der ein Zwillingsbruder oder zumindest naher Verwandter von Altmann sein konnte, so gross war die Ähnlichkeit. Maler ergriff das Wort. „Guten Morgen, Herr Wirt. Wir suchen einen Hänfling, der wahrscheinlich vorgestern gegen Abend ankam und am nächsten Morgen weiterzog. Habt ihr so jemand gesehen?“ „Kann sein, kann nicht sein. Es ist mein Beruf, vielen verschiedenen Leuten aller möglichen Spezies zu Diensten zu sein, da kann ich mich nicht an jeden einzelnen erinnern.“ Nimda holte ein Goldstück hervor und nahm es zwischen Daumen und Zeigefinger, so dass der Wirt es deutlich sehen konnte. „Vielleicht hilft das eurer Erinnerung ein wenig auf die Sprünge, Herr Wirt?“ Gier glitzerte in den Augen des Mannes. „Das könnte helfen.“ Nimda liess das Gold auf den Tresen springen und der Wirt griff es noch im Rollen. „Tja, tut mir leid. Pech gehabt. Ich habe hier seit Monaten keine Hänflinge gesehen. Auf Wiedersehen, ich habe zu tun.“ Damit wandte er sich um und fing an in Flaschen und Bechern zu kramen. Nimda holte tief Luft. Senbein legte seine Hand auf ihre Schulter und meinte: „Lass uns gehen, wir können hier doch nichts ausrichten. Er ist die Mühe nicht wert.“ Sie verliessen das Gasthaus und wandten sich wieder in Richtung Kreuzung. Dort angekommen, bahnten sie sich wieder ihren Weg durch das Getümmel und schlugen den Weg nach Westen ein. Hier mussten sie ein ganze Weile gehen, bis auch hier die Bebauung weniger dicht wurde und sie bedauerten schon, sich nicht der Pferde bedient zu haben, als endlich die typische Kontur eines Gasthauses sichtbar wurde. „Zum zerbrochenen Krug. Naja, wenigstens einmal etwas halbwegs Sinnvolles, wenn auch vielleicht nicht sehr werbewirksam.“ Senbein war nur halb zufrieden. In der Gaststube wiederholte sich das Spiel von vorhin, nur dass sie die Auskunft diesmal umsonst bekamen. Kein Hänfling in den letzten Tagen.

Sie kehrten also um und erreichten nach einigem Marschieren wieder den Platz an der Kreuzung, wo sich die Menschenmengen inzwischen etwas verstreut hatten. An einer Hausecke stand ein Mann vornübergebeugt und übergab sich. „Sieht so aus, als hätte er eines von diesen Würstchen im Brot erwischt.“ kommentierte Senbein. „Die sahen mir gleich sehr verdächtig aus.“ Nimda nickte und nahm ihn beim Arm. „Schau mal da drüben. Ein Gasthaus mitten in der Stadt. Da bin ich aber gespannt, wie man da seine Pferde unterbringen kann. Lass uns nachsehen.“ Es zeigte sich, dass dieses Problem eine ganz einfache Lösung hatte. Im Hinterhof befand sich ein mittelgrosser Stall, der etlichen Tieren Platz bot. Weit hinten in einer der Boxen stand friedlich ein ockerfarbenes Zwergenpferd und kaute auf einem Bund Hafer herum. „Na also.“ Senbein nickte zufrieden. „Dann sind wir endlich am Ziel.“ Sie drehten auf dem Absatz herum und betraten die Gaststube durch die hintere Tür. Der Wirt war die übliche Standardausführung mit deutlichem Bauch und kahlem Kopf. Nimda ergriff das Wort. „Guten Morgen, Herr Wirt. Wir suchen einen Hänfling mit einem Zwergenpferd und ich glaube, das Tier haben wir gerade eben gefunden.“ Der Wirt blickte kaum von seiner Arbeit auf, den Tresen zu polieren. „Zimmer acht. Aber bemüht euch nicht hoch, er wird gleich von selbst herunterkommen, sonst muss er nämlich das Zimmer für eine weitere Nacht bezahlen.“ Tatsächlich ertönten in diesem Moment leise Schritte von oben und eine kleine Gestalt kam die Treppe herunter, in der Hand einen übergrossen Tornister. Nimda und Senbein machten sich bereit , den Hänfling notfalls mit Gewalt festzuhalten, als dieser endlich ins Licht am Fusse der Treppe trat. Es war nicht Brado, sondern jemand mit einer entfernten Ähnlichkeit, der die Dreiergruppe fragend ansah. „Ich glaube, wir sind verabredet.“ liess sich Maler vernehmen, der bislang fast nichts gesagt hatte und noch immer davon ausging, dass es sich um den Gesuchten handelte. „Mein Name ist Maler und ich bin beauftragt worden, euch zu beschützen, Herr Brado.“ Der Hänfling wirkte verwirrt. „Mein Name ist nicht Brado. Ich suche meinen Vetter Brado und ich selber heisse Berry, aber meine Freunde nennen mich gewöhnlich Schack. Ich hatte gehofft, Brado hier zu finden, ich muss ihm etwas bringen, das für seinen Auftrag wichtig ist.“ Er schaute etwas ängstlich von einem zum anderen. „Darf ich fragen, was es für eine Bewandnis mit dem Beschützen hat und was auf einmal Zwerge mit der Angelegenheit zu tun haben?“ Maler lehnte sich gegen den Tresen. „Das sind Nimda und König Senbein aus Bergdorf. Euer Vetter hat etwas, das ihnen gehört und das sie wiederhaben wollen. Und ich bin wie bereits gesagt Maler und der Zauberer Randolf der Rote hat mich beauftragt, auf euren Vetter aufzupassen. Nur müssen wir ihn dazu erstmal finden und das scheint sich schwierig zu gestalten. Was sollt ihr eurem Vetter denn so wichtiges bringen?“ Berry zögerte. „Ich weiss nicht, ob ich es sagen darf. Randolf sagte, es sei wichtig, dass es niemand erfährt.“ Maler nickte. „Wie ihr wollt. Allerdings ist meine Neigung, euch bei der Suche nach eurem Vetter behilflich zu sein, dann natürlich arg reduziert. Die Angelegenheit ist mir jetzt schon zu verworren, um mich noch auf weitere Verwicklungen einzulassen. Der Hänfling zögerte und griff dann in die Hosentasche. „Das hier ist es.“ Ein Ring glitzerte im Leuchtenschein und Nimda stöhnte. „Ich hätte es mir denken können, noch mehr Ringe. Darf ich den mal bitte sehen?“ Berry blickte zu Maler, der nickte. Nimda nahm den Ring, hielt ihn gegen das Licht und drehte ihn hin und her. Sie zögerte kurz und steckte das Schmuckstück dann an den ersten Ringfinger der rechten Hand. Es schien ein kurzer Ruck durch sie zu laufen, dann war alles wieder wie gehabt. Nimda nahm den Ring vom Finger und sagte scharf: „Der ist von Zwergenhand gemacht, ein Ring der Stärke plus zwei. Darf man fragen, wo ihr den her habt?“ Berry zögerte wieder. „Randolf der Rote gab ihn mir. Ich soll ihn Brado bringen, der wisse schon, was zu tun sei.“ Senbein schüttelte den Kopf. „Es werden immer mehr Ringe und je mehr es werden, desto weniger Sinn ergibt die Sache. Jedenfalls sind wir jetzt auf unserer Suche nach Brado immer noch keinen Schritt weiter und es gibt nur noch ein Gasthaus, in dem wir fragen könnten. Am Ende ist der Kerl noch irgendwo privat untergekommen und wir haben das Nachsehen.“ Maler wandte sich an die Zwerge. „Ich schlage vor, dass wir diesen Herrn Berry mit uns nehmen. Ich gehe davon aus, dass das im Sinne unseres Auftraggebers ist.“ Nimda widersprach. „Eures Auftraggebers, meint ihr. Ich nehme Aufträge nur von meinem König entgegen und damit ist ausnahmsweise nicht mein Gatte gemeint. Aber meinetwegen, der Hänfling mag mitkommen. Dann haben wir wenigstens schon mal einen Hänfling gefunden, wenn auch den Falschen.“

Es dauerte einige Zeit, bis der Hänfling reisefertig war und sie sich schliesslich auf den Weg zum letzten möglichen Gasthaus machten, dass sie nach einer halben Stunde erreichten. Inzwischen war es Mittag geworden. Senbein warf einen Blick auf das Schild über der Tür „´Zur letzten Hoffnung´ Wohl wahr, aber irgendwie ist der Name auch nicht besser als die zuvor. Kann man nicht einfach so etwas Einfaches wie ´Zum fröhlichen Zecher´ oder gleich ´Zimmer frei´ nehmen? Na gut, gehen wir hinein.“ Sie betraten zum wiederholten Mal an diesem Tage eine Gaststube und gingen zu einem vertraut wirkenden Tresen, der eifrig von einem vertraut wirkenden Wirt poliert wurde. Senbein sagte sein Sprüchlein auf und der Wirt nickte. „So ein Hänfling war hier. Der ist schon in aller Frühe, noch vor Morgengrauen abgereist.“ „Na endlich.“ Senbein seufzte erleichtert. „Hat er zufällig auch gesagt, wo er hinwill?“ „Das nicht direkt, aber gestern abend hörte ich zufällig, wie er sich mit einem Mann unterhielt und da war mehrfach die Rede von Kielholz.“ Nimda nickte. „Natürlich. Das heisst, wir dürfen nochmal durch die halbe Stadt, nachdem wir durch die halbe Stadt zu unseren Pferden und zu unserem Gepäck gelatscht sind. Das kostet doch alles Zeit und gibt dem Hänfling nur noch mehr Vorsprung“ Senbein beruhigte sie. „Knapp acht Stunden hat er Vorsprung und er musste von hier aus auch durch die ganze Stadt. So schlecht stehen wir gar nicht da.“ Sie machten sich auf den Weg zurück zu ihrer Herberge und erreichten diese nach geraumer Zeit. Sie holten ihre Sachen aus der Gaststube und gingen zur Pferdekoppel, um die Tiere aufzuzäumen, jedoch wurde ihnen der Weg dorthin von einer Gruppe schwerbewaffneter, uniformierter Männer verstellt, deren Anführer sich breitbeinig vor ihnen aufbaute. Nun, vielleicht nicht direkt uniformiert, aber mit Rüstungsteilen bekleidet, die einen relativ hohen Ähnlichkeitsgrad hatten. „Heiho, König. Ich bin Feldwebel Windig von der Wache und würde gerne wissen, ob das eure Tiere sind.“ Er machte eine vage Handbewegung in Richtung Koppel. Senbein nickte. „Ja, das sind unsere Pferde. Es dürfte nicht schwer sein, zu erkennen, dass sie extra für unsere Grösse gezüchtet wurden.“ Der Feldwebel schüttelte den Kopf. „Oder für andere kleine Wesen. Uns liegt eine Anzeige vor, dass mindestens eines der Tiere gestohlen wurde und in dieser Gegend macht man nicht viel Federlesens mit Pferdedieben.“ Er blickte hinüber zu einem seiner Männer, der betont unauffällig an einem Seil herumfummelte. „Ihr begleitet uns jetzt besser zum Richter.“ Maler trat vorsichtig zur Seite und tat unbeteiligt. Der Hänfling wollte es ihm nachtun, doch Windig bemerkte die Absicht. „Halt, meine Freunde. So geht das nicht. Ihr vier gehört offenkundig zusammen, also geht ihr auch zusammen mit. Und jetzt Abmarsch.“ Drei der Wächter gingen vorweg, Nimda, Senbein, Berry und Maler in der Mitte und weitere drei Wächter in der Nachhut. Wieder einmal ging es den Weg in Richtung Stadtmitte entlang, den sie diesmal aber nicht in voller Länge durchmessen mussten. Auf halbem Wege zur Kreuzung stand ein weisses Steingebäude, das zum einen durch ein entsprechendes Schild, zum anderen durch die vergitterten Fenster als Gericht und Gefängnis ausgewiesen wurde. Die Gruppe wurde sofort in den Gerichtssaal gebracht, der ziemlich gut gefüllt war und man wies sie an, Platz zu nehmen.

Vor dem Richtertisch standen gerade zwei Trolle, die ziemlich mitgenommen aussahen. Tiefe Risse und Platzwunden waren notdürftig mit Gips aufgefüllt worden und einer der beiden hatte offenkundige Schwierigkeiten mit dem rechten Auge. Der Richter war ein eher schmächtiger Mann mit habichtartigen Gesichtszügen und auch die Art und Weise, in der er mit dem Kopf ruckte, wenn er von einem zum anderen blickte, liess an einen Vogel denken. Er wandte sich an den ersten Troll. „Nun, Cuprit, wie genau ist es denn nun zu diesem Streit gekommen.?“ Der Troll versuchte, den Richter so unverwandt anzuschauen, wie dies mit einem lädierten Auge möglich war. „Chrysokoll hier hat behauptet, die Welt wäre eine Kugel, die sich um die Sonne dreht. Dabei weiss doch jedes Trollkind, dass die Welt eine Scheibe ist, die auf dem Rücken eines Hahnes steht, der auf dem Rücken einer Katze steht, die auf dem Rücken eines Hundes steht, der wiederum auf dem Rücken eines Esels steht.Wir haben das in Ruhe diskutiert, aber irgendwie ist uns die Angelegenheit dann entglitten.“ Der Richter schaute ihn eine Weile stumm an. Schliesslich ergriff er wieder das Wort. „Vielleicht solltet ihr eure Kosmologie nocheinmal überdenken, irgendetwas stimmt mit eurer Scheibenwelt nicht. Mir persönlich ist es völlig einerlei, ob die Welt eine Kugel, ein Würfel, eine Scheiber oder gar ein Ring ist, solange daraus keine Prügelei entsteht. Aber es war also wieder einmal eine Schlägerei aus nichtigem Anlass. Das bestrafe ich dann mit einer ebenso nichtigen Woche Steineklopfen im Steinbruch. Das gilt für euch beide und das Urteil ist hiermit beschlossen und verkündet.“ Ein Hammer sauste auf den Tisch herunter und besiegelte den Spruch. „Der nächste Fall.“ Eine Wache brachte eine ältere Dame vor den Richtertisch, die ganz in schlichtes Schwarz gekleidet war und so um einiges älter wirkte, als sie in Wirklichkeit sein mochte. Der Richter wirkte konsterniert. „Wie lautet die Anklage?“ Die Wache schaute in ihr Notizbuch. „Mundraub und Hexerei. Oder besser umgekehrt, erst Hexerei und dann Mundraub. Die angeklagte Frau Schill hat im Laden des hier als Zeugen anwesenden Herrn Felsner erst Verwünschungen ausgesprochen und dann einen Apfel gestohlen.“ Der Richter wandte sich an die Angeklagte. „Stimmt das?“ Die Dame in Schwarz hob den Kopf. „Herr Felsner hat mich gebeten, etwas gegen das Ungeziefer in seinem Laden zu tun. Das habe ich getan und die Insekten mit einigen Beschwörungen vertrieben. Der Apfel war mein bescheidener Lohn und dafür, dass es in diesem Laden so dreckig ist, dass sich das Ungeziefer wie magisch angezogen fühlt und nach ein paar Tagen wieder so zahlreich ist, wie zuvor, dafür kann ich nichts. Da muss man dann halt öfter beschwören, aber Herr Felsner fühlt sich wohl von mir schlecht behandelt, daher die Klage, euer Ehren.“ Der Richter wiegte den Kopf. „Selbst wenn es nicht so gewesen ist, wie ihr sagt, Hexerei und Mundraub sind nicht strafbar.“ Er wandte sich an die Wache. „Wieso habt ihr die Frau überhaupt erst hierhergeschleppt? Ihr solltet euch im Dienst nicht auf euer eher vages Unrechtsgefühl verlassen, sondern auf die Gesetzeslage, sonst bleibt ihr ewig Gefreiter. Der Fall wird abgewiesen, die Angeklagte ist entlassen. Der nächste Fall.“ Die Frau drehte sich um und ging ein paar Schritte in Richtung Ausgang. Dann blieb sie kurz stehen und wandte sich noch einmal an den Richter. „Und komm heute nicht so spät nachhause, Junge, wir essen pünktlich.“ Der Richter lief rot an und presste ein leises „Ja, Mutter.“ heraus, während im Zuschauerraum erhebliche Anstrengungen unternommen wurden, das Lachen zu unterdrücken.

Senbein und Nimda wurden vorgeführt und Felwebel Windig persönlich verlas aus seinem zerfledderten Notizbuch die Anklage. Der Richter stöhnte. „Zwerge, die ein Zwergenpferd gestohlen haben sollen. Das ist doch auch wieder so eine windige Angelegenheit. König Senbein, was habt ihr dazu zu sagen?“ Senbein berichtete in groben Zügen von ihrer Reise durch den Oberwald und wie sie das Pferd gefunden hatten, das in der Tat gestohlen war, aber eben ihnen, den Zwergen. Dass es auch noch um mehr oder weniger gestohlene Ringe ging, liess er der Einfachheit halber aus. Nimda bestätigte seine Geschichte und auch Maler hatte noch einiges zu sagen, das aber in der Sache nicht sehr hilfreich war, denn er war ja nicht dabeigewesen, als sie in den Besitz des Tieres kamen. Der Richter spielte nervös mit seinem Hammer. „Da es keine Tatzeugen gibt, kann eure Geschichte leider nicht widerlegt werden. Ihr könnt gehen, aber das Pferd wird beschlagnahmt und euer Herr Lenbogen kann es meinetwegen abholen, wenn er beweisen kann, dass das Tier ihm gehört.“ Nimda machte noch einen schwachen Versuch, zu erklären, dass die Pferde bei den Zwergen Gemeinschaftseigentum waren, drang aber damit nicht zum Richter durch, bei dem das starre Besitzdenken der Menschen vorherrschte. Sie verliessen den Gerichtssaal und gingen in Richtung Gasthaus, begleitet von einer Wache, die sich um das beschlagnahmte Pferd kümmern sollte. Senbein wirkte nachdenklich. „Sehr ärgerlich. Wir hätten das Tier sehr gut als Ersatzpferd für Herrn Berry gebrauchen können. Jetzt werden wir nicht so schnell vorankommen, wie gedacht. Und wir können jetzt als gesichert betrachten, dass dieser Brado weiss, dass wir hinter ihm her sind. Nur er kann diese Festnahme veranlasst haben, die ihm weitere zwei Stunden Vorsprung bringt.“ Nimda schüttelte den Kopf. „So gross ist das Problem mit dem Ersatzpferd gar nicht. Wir können rotieren und ob nun vier von sechs Tieren oder vier von sieben immer belegt sind, macht keinen zu grossen Unterschied.“

Sie erreichten die Herberge und konnten endlich die Pferde marschbereit machen. Maler besass zwei besonders schöne Tiere, Rappen mit deutlichem östlichen Einschlag. Beim Aufsatteln und dem Beladen des Packtieres zeigt sich auch, dass das zerbrochene Schwert nicht seine einzige Waffe war. Neben einem ziemlich schlichten, aber scharfen Einhänder hatte er auch noch einen Kompositbogen aus zweierlei Holz, eine gefährliche und weittragende Waffe, wenn man auch die entsprechenden Pfeile dazu hatte. Davon waren knapp drei Dutzend vorhanden, kerzengerade Bambusstecken mit Eisenspitze und Bussardfedern, die nur den einen Nachteil hatten, dass sie meist nur einmal verwendet werden konnten, da der Bambus sich im Körper des Opfers gerne spaltete, sobald die Aufprallenenergie durch die Spitze fuhr. Der angerichtete Schaden wurde dadurch natürlich vergrössert, so dass gute Bogenschützen den Mehraufwand in der Pfeilbeschaffung gerne in Kauf nahmen.

Zwanzig Minuten später sassen sie auf und es ging im Schritttempo die Strasse entlang in Richtung Kreuzung, wo sie sich gen Westen wandten und nach kurzer Zeit aus der dichten Bebauung der Stadt herauskamen. Für die Zwerge und den Hänfling begann hier ein unentdecktes Land, waren sie doch noch nie so weit von ihrer jeweiligen Heimat entfernt gewesen. Maler schien weniger beeindruckt, seine Reisen mochten ihn schon einige Male in diese und auch noch viel seltsamere Gegenden geführt haben. Kaum hatten sie die Stadt hinter sich, zeigte sich ein Problem, als sie in den gewohnten Trab verfallen wollten. Menschenpferde und Zwergentiere vertrugen sich nur mit Mühe und es war schwierig ein Tempo und eine Marschordnung zu finden, in der alle mit minimalem Aufwand zurechtkamen. Maler musste schliesslich die Führung übernehmen, was vielleicht nicht das Verkehrteste war, schliesslich war er derjenige, der sich in diesem Land auskannte. Nach wenigen Minuten gelangten sie an einen Brunnen, der zu einem verlassenen, arg verwilderten Bauernhof gehörte und nutzten die Gelegenheit, um die Tiere noch einmal zu tränken und die Wasservorräte aufzufüllen. Maler schaute zu den verfallenden Gebäuden hinüber. „Das war schon so eine seltsame Geschichte. Der Besitzer kam eines Tages in die Stadt und behauptete, seine Tiere hätten ihn vom Hof gejagt. Er hat dann noch einmal versucht, die Gebäude mit Hilfe von ein paar Freunden zurückzuerobern, das ist aber fehlgeschlagen. Später hat sich gezeigt, dass die Tiere so ganz allein doch nicht zurechtkamen, obwohl sie von drei kleinen und offenbar recht intelligenten Schweinchen angeführt wurden. Sie sind alle entweder verhungert oder weggelaufen und zuletzt waren nur noch ein paar Gänse da, die wohl der Fuchs geholt hat. Der Besitzer hat die Landwirtschaft völlig aufgegeben und widmet sich jetzt ganz anderen Wirtschaften.“ Nimda zweifelte. „Intelligente Schweine? Ich meine, diese Tiere sind sicher nicht dumm, aber das sie intelligent genug sind, um andere Tiere zu leiten, kann ich kaum glauben.“ Maler nickte. „Das war schon eine besondere Situation. Hier hatte kurz vorher ein magischer Unfall stattgefunden und der hat sich ziemlich ungewöhnlich auf die Tiere der Gegend ausgewirkt.“ „Das scheinen diese mysteriösen magischen Unfälle so an sich zu haben.“ warf Nimda ein. „In der Tat. Oben an der Grenze zum Oberwald gab es noch so eine Stelle. Da war ein weisses Kaninchen auf einmal anderthalb Meter gross und konnte zaubern. Es lief die ganze Zeit herum und machte die anderen Waldtiere grösser oder kleiner und sang dazu ´Ein Spruch macht dich grösser, ein Spruch macht dich klein.´ Irgendwann hat es dann angefangen, sich an ein kleines Mädchen aus dem Vorwerk von Käse heranzumachen, da habe ich es erschossen.“ Währenddessen waren sie mit ihrer Tätigkeit fertig geworden und machten sich wieder auf den Weg. Sie kamen an diesem Tag nicht mehr sehr weit, die lästige Gerichtsangelegenheit hatte doch mehr Zeit gekostet, als nötig und recht war. Die Dämmerung war schon weit fortgeschritten, als sie ihr Lager am Rande eines kleinen Sees errichteten. Mit Hilfe von vier Personen ging das sehr viel schneller als zu zweit, auch wenn natürlich mehr Arbeit zu verrichten war. Senbein kümmerte sich um das Feuer und Maler hatte unterwegs zwei Fasane mit dem Bogen erlegen können, die rasch ausgenommen, gerupft und auf Spiessen über die Flammen gebracht waren. Während die Vögel garten, nutzten Senbein und Nimda die Gelegenheit, um in dem See zu baden, was ihnen verständnislose bis irritierte Blicke des Hänflings einbrachte, während es schien, dass Maler durch nichts aus der Ruhe gebracht werden konnte.

Sie verzehrten das Geflügel und begossen es mit einem kräftigen Schluck Wein, den Senbein aus dem Gasthaus mitgenommen hatte. Plötzlich starrte er auf den Boden vor sich und stiess Nimda an. „Kneif mich mal bitte. Träume ich oder ist das da wirklich ein Frosch mit einer Krone?“ Nimda folgte seinem Blick. „Da brauch ich dich nicht zu kneifen. Der trägt wirklich eine Krone. Irgendetwas sagt mir, dass wir gleich wieder von einem magischen Unfall hören werden.“ „Das eher nicht.“ Maler war nähergerückt. „Das ist schlicht und einfach ein sogenannter Prinzenfrosch. Die Krone ist nichts weiter als ein kreisförmiger Hautlappen, ähnlich wie der Kamm eines Hahnes. Zur Paarungszeit schwillt er an und sieht dann durch die glänzenden Pyriteinlagerungen aus wie eine Krone. Die älteren Kinder nutzen das gerne aus, um ihren Schabernack mit kleineren Mädchen zu treiben. Sie bringen ihnen eine solchen Frosch und behaupten, er würde sich in einen Prinzen verwandeln, wenn er geküsst wird. Oft fällt das Mädchen darauf herein und holt sich von dem leicht giftigen Sekret des Tieres einen üblen Ausschlag an den Lippen, der neben den Schmerzen auch noch für weiteren Spott sorgt. Kinder können grausam sein." „Nicht nur Kinder.“ meinte Senbein und holte seine Pfeife heraus, was Nimda zum Anlass nahm, es ihm gleichzutun. In einem umständlich wirkenden Ritual stopften und entzündeten sie ihre Rauchwerkzeuge und bliesen kurz darauf behaglich Ringe in die Luft. „Sagt, Herr Maler,“ begann Senbein. „Was hat es eigentlich mit all diesen magischen Unfällen auf sich? Die ganze Gegend scheint voll mit solchen ungewöhnlichen Stellen zu sein, doch habe ich davon noch nie gehört.“ Maler überlegte kurz. „Das mag daran liegen, dass die gewöhnlichen Wesen sich nicht so gerne in magische Dinge einmischen. Genauer gesagt, in die Angelegenheiten von Zauberern, denn diese Orte sind nichts weiter als Stellen, an denen magische Zweikämpfe zwischen zwei oder mehr Zauberern stattgefunden haben. Da schwirren dann innerhalb kurzer Zeit eine Menge Zaubersprüche durch die Gegend und nicht jeder davon trifft sein Ziel so genau, dass alle aufgewendete Zauberenergie zur Wirkung kommt. Es vagabundiert dann eine mehr oder weniger grosse Energiemenge durch die Gegend, und das hat dann halt die seltsamen Effekte auf die Tier- und Pflanzenwelt. Das soll in früheren Zeiten noch viel schlimmer gewesen sein, als es noch wesentlich mehr Zauberenergie in der Welt gab und sie sich auch noch nicht so schnell erschöpfte, wie es heute der Fall ist. Damals sind gleich ganze Landstriche auf Jahrzehnte hinaus verwüstet worden, dass weder Gras noch Strauch dort wachsen mochte und wer sich zulange in so einem Gebiet aufhielt, musste damit rechnen, krank zu werden, sich seltsam zu verändern oder sogar zu sterben. Aber soviel Zauberenergie kriegt man heute einfach nicht mehr gebündelt, die meisten Zauberer sind schon froh, wenn sie noch ein halbwegs beeindruckendes Feuerwerk hinkriegen.“ Nimda schaute ihn unverwandt an. „Ihr scheint euch gut in diesen Zauberdingen auszukennen. Habt ihr da etwa auch eigene Erfahrungen?“ Maler schüttelte den Kopf. „Nein, ich bin nicht zum Zaubern geboren. Aber ich habe einige Zeit an der Universität von Llang verbracht, und dort lehrt man unter anderem auch das Zaubern. Da habe ich einiges erfahren, was diese Dinge angeht. Ihr scheint aber auch nicht unbeleckt in diesen Dingen.“ Maler schaute Senbein an, der unbehaglich hin und herrutschte. Hatte der Waldläufer etwa die kleine Geste bemerkt, mit der Senbein dem Feuer etwas auf die Sprünge geholfen hatte, als es nur mühsam in Gang kommen wollte? Entschieden schüttelte er den Kopf. „Wir Zwerge wissen nur soviel, wie wir der Natur abschauen können. Das gibt uns natürlich ein wenig Macht über sie, aber das ist nur soviel, wie wir mit unserer Hände Arbeit vollbringen können.“ Maler nickte. „In der Tat, so ist es für die meisten von uns. Aber sagt, wo wir schon über Zwerge sprechen, ist es wirklich wahr, dass ihr über hundert Wörter für Gestein habt?“ Nimda lachte. „Gehört ihr also auch zu den Leuten, die irgendwelche Dinge über Zwerge gehört haben? Nein, für Gestein haben wir nur wenige Worte: Gestein , Mineral und ein paar weitere. Was aber stimmt, ist, dass es weit über dreitausend verschiedene Mineralien gibt, und jedes von ihnen hat natürlich einen eigenen Namen. Im Übrigen sind wir Zwerge in diesen Dinge längst nicht so gut wie die Trolle, die sich ja sogar nach Gesteinsarten benennen. Die können euch sicher auch sagen, wieviele Sorten es genau gibt, zumal sie ja auch viel weiter in der Welt herumkommen, als wir Zwerge für gewöhnlich. Wir ziehen eigentlich nur durch die Länder, wenn wir neue Erzvorkommen suchen müssen und unser Dorf verfügt über ausgesprochen reiche Adern.“ Sie wandte sich an Berry, der bislang nur wortlos danebengesessen hatte und gespannt zuhörte. „Nun, Herr Berry, mögt ihr mir euren Ring noch einmal zeigen? Ich glaube, ich war anfangs etwas unaufmerksam und könnte etwas übersehen haben.“ Diesmal zögerte der Hänfling nicht und gab ihr den Ring, nachdem er ihn umständlich aus der Hosentasche gefummelt hatte. Nimda rückte etwas näher ans Feuer, um mehr Licht zu haben, gab dann auf und holte aus dem grossen Gepäckhaufen, der in der Nähe der Pferde lag, eine Laterne, die sie Senbein zum Halten gab. Sie wühlte ein wenig in der Brusttasche ihrer Jacke herum und brachte eine kleine Linse zum Vorschein, durch welche sie den Ring nun einer minutenlangen Inspektion unterzog. Schliesslich steckte sie die Linse wieder ein und wandte sich an den Hänfling. „Nun denn, Herr Berry. Mögt ihr uns vielleicht die wahre Geschichte dieses Rings erzählen? Er trägt nämlich die Marke der Zwerge von Waldader, einer Zwergensiedlung in den Hügeln halbwegs zwischen dem Bachgau und Käse. Habt ihr den Ring wirklich von diesem Zauberer und trugt ihr ihn schon bei euch, als ihr den Bachgau verlassen habt? Ich habe nämlich Brados Ringe gesehen, das waren Menschenringe und Elfenringe, keine Zwergenringe. Das auch Zwergenringe im Spiel sind, ist neu, seit Brado bei uns in Bergdorf war. Oder seit ihr in Waldader wart, wie ich vermute. Euer Pferd stammt übrigens auch von dort.“ Sie stand auf, um Berry noch etwas weiter einzuschüchtern, aber der Effekt wurde von Maler verdorben, der seinerseits aufstand und sich zwischen Zwergin und Hänfling stellte. Nun hielt es auch Senbein nicht mehr an seinem Platz und so stand sie alle vier ums Feuer, drei Augenpaare auf Berry gerichtet und eines verlegen ins Feuer starrend. „Das Pferd ist meins. Ich habe es vor ein paar Jahren in Waldader gekauft. Wenn ihr genau hinseht, könnt ihr feststellen, dass es ein wenig kleiner als eure Tiere ist und damit besser für einen Hänfling geeignet. Die Zwerge von Waldader verkaufen ihre zu klein geratenen Tiere gerne ins Bachgau, das war schon immer so. Und was den Ring angeht: Brado sagte, Randolf habe ganz klar gemacht, dass unbedingt alle Ringe vernichtet werden müssen. Also auch die Zwergenringe. Daher nahm ich mir das Recht, diesen Ring an mich zu nehmen und ihn Brado zu bringen. Es ist Randolfs Wille und zum Besten nicht nur für die Hänflingheit sondern für alle Spezies.“ Damit setzte er sich trotzig wieder hin und schwieg. Nimda war nachdenklich geworden. „Gut, das bringt uns jetzt zwar ein Motiv, aber erstens kein sehr überzeugendes und zweitens ist die Sache mit den Ringen immer noch nicht schlüssig. Meine Güte, es dürfte mehr Zwergenringe geben, als es Zwerge gibt, die können alle Hänflinge der Welt nicht stehlen. Brado wird sicher nicht zwischen Ringen der Macht und gewöhnlichen magischen Ringen unterscheiden können, dazu hat er nicht die Kenntnis. Das heisst, er stiehlt wahllos alles zusammen, was ihm unter die Finger kommt. Was wiederum sehr gefährlich auch für ihn ist, denn wenn zuviele Ringe der Macht zusammenkommen, könnte es einen, nunja, magischen Unfall geben. Also sollten wir ihn besser schnell finden, denn ich möchte nicht in der Nähe sein, wenn ein Unglück geschieht.“ Maler mischte sich ein: „Das gefällt mir gar nicht. Randolf sprach ausdrücklich nur von neun Ringen der Macht, die vernichtet werden sollen. Wenn er wirklich von allen Ringen gesprochen hat, dann hat er sicher mit alle eben diese neun gemeint. Diese Hänflinge haben das entweder missverstanden, oder sie kochen nebenher noch ein eigenes Süppchen. Das ist für mich aber vorerst egal, mein Auftrag lautet nach wie vor, Brado bei der Vernichtung der neun Ringe zu helfen. Auch müssen wir ihn ersteinmal finden, bevor wir entscheiden können, wie es weiterzugehen hat.“ Berry fügte, nun kleinlaut geworden, hinzu: „Ich wollte Brado nur helfen. Er ist schliesslich mein Vetter und die Gelegenheit war einfach zu günstig.“ Nimda blickte nachdenklich auf den Ring, den sie noch immer in der Hand hielt. „Wir kommen in der Angelegenheit vorerst wohl wirklich nicht weiter. Ihr habt sicher nichts dagegen, wenn ich diesen Ring behalte und beizeiten dem rechtmässigen Besitzer zurückgebe. Zwergenringe gehören in Zwergenhand, oder noch besser auf Zwergenfinger.“ Sie klopfte die inzwischen erloschene Pfeife an einem Stein aus und zog sich dann in das Zelt zurück. Senbein folgte ihr nach einigen Minuten und schliesslich begaben sich auch Maler und Berry zur Ruhe, die kein weiteres Wort miteinander gesprochen hatten.

Der nächste Morgen brachte wieder Regen, der den ganzen Vormittag anhielt und erst aufhörte, als die Sonne sich bereits dem Westen zuwandte. Es war ein ereignisloser Tag, der sie aber gerade wegen der fehlenden Unterbrechungen ein gutes Stück weiterbrachte. Die vereinzelten Menschbehausungen, die bislang am Wegesrand zu finden waren, wurden seltener und sie kamen nun auch wieder durch kleinere und grössere Waldstücke, ein deutlicher Hinweis darauf, dass sie den Einzugsbereich von Käse nun endgültig verlassen hatten. Als sie in der beginnenden Abenddämmerung nach einem geeigneten Rastplatz Ausschau hielten, trafen sie auf eine seltsame Szene. Eine in eine leichte Rüstung gehüllte Kriegerin kniete am Wegesrand neben einer offensichtlich toten zweiten Kriegerin, über der ein kleines helles Licht schwebte wie ein Glühwürmchen mit Nachbrenner. Nicht weit davon lagen vier weitere Leichen im Gras, der Oberbekleidung nach Strassenräuber oder ähnliche Lumpen, aber durch Risse im Stoff war das metallische Schimmern von Kettenpanzern zu sehen. Ein paar Schritte abseits sassen drei Reiter mit geflügelten Helmen auf ebensolchen Pferden. Sie sangen ein traurig anmutendes Lied mit recht anhörbaren Männerstimmen, deren Effekt durch die geschlossenen Helme nur leicht verwässert wurde. Die Gruppe zügelte die Pferde und hielt an. Maler sass ab und näherte sich der Knieende. „Guten Abend, Fremde. Was ist passiert, und können wir euch helfen?“ Die Frau blickte auf und schüttelte den Kopf. „Hier ist nichts mehr zu tun, Sassna ist tot und der Kampf ist vorüber. Ein teurer Sieg, ich habe ja gleich gesagt, wir hätten die Bögen bereithalten sollen, dann wäre der Vorteil auf unserer Seite gewesen. Kettenpanzer können unsere Pfeile kaum aufhalten. Nunja, es ist vorbei und mir bleibt nichts mehr zu tun als Sassna nach Hause zu bringen, damit sie würdig begraben wird. Ich bin übrigens Vingna, eine Amazonenkriegerin, wie ihr vielleicht schon erraten habt. Diese Bande von Kerlen hat uns einfach überfallen, obwohl wir weder Gold noch andere Wertsachen bei uns trugen. Das war wohl reine Mordlust oder Schlimmeres.“ Inzwischen hatten die drei seltsamen Reiter ihren Gesang beendet und einer von ihnen trieb sein Pferd näher an die tote Amazone heran. Er holte eine reich verzierte Büchse aus seinem Fellmantel, fing damit den strahlenden Funken vorsichtig ein und gesellte sich dann zu seinen Gefährten. Senbein war inzwischen auch abgestiegen und nähergekommen. „Sagt, was hat es denn mit diesen drei Tenören auf sich? Waren die auch in den Kampf verwickelt?“ Vingna schüttelte erneut den Kopf. „Das sind Walkürer. Sie bringen die Seelen der gefallenen Kriegerinnen nach Walhalla, wo sie an der Seite der Götter die Ewigkeit verbringen. Oder zumindest die Zeit bis zur Entscheidungsschlacht.“ Nimda nickte, „Davon hab ich schonmal gehört. Aber warum sind sie mitten im Hochsommer in so dickes Fell gekleidet? Das muss doch fürchterlich unbequem sein.“ Die Walkürer hatten das gehört und der mittlere von ihnen antwortete: „Wir reiten wie der Wind und mit dem Wind. Es weht ein sehr kalter Wind nach Walhalla, daher müssen wir uns vor ihm schützen. Wir sind ohnehin die meiste Zeit unterwegs, bei all der Gewalt die derzeit in der Welt herrscht, da können wir ein paar Minuten in der Hitze schon ertragen, wenn wir es dafür den Rest der Zeit gemütlich haben. Aber wir müssen jetzt los, Walhalla muss erreicht sein bevor der Funke verlischt. Wenigstens kommen wir diesmal nicht mit leeren Händen.“ Er gab seinen Gefährten ein Zeichen und sie bewegten ihre seltsamen geflügelten Rosse auf den Weg und beschleunigten. Nach etlichen Metern breiteten die Pferde ihre Schwingen aus und hoben sich in die Luft, begleitet von einem antreibend gespenstichen Gesang aus drei Männerkehlen, der bald vom Winde verweht wurde.

Maler wandte sich erneut an Vingna. „Heute nacht werdet ihr nicht mehr viel ausrichten können. Wir wollen ohnehin unser Lager aufschlagen und teilen gerne unser Abendmahl mit euch. Auch eine Decke für die Nacht wird sich sicher finden.“ „Vielen Dank für das Angebot. Eine Decke wird nicht nötig sein, wir haben unsere Pferde und Ausrüstung ein Stück weiter im Wald angebunden. Aber ein gutes Essen und ein interessantes Gespräch können mich vielleicht ein wenig von meiner Trauer ablenken. Sassna war nicht nur eine Kriegerin, sondern auch eine gute Freundin, ich werde sie vermissen. Aber jetzt hole ich ersteinmal die Tiere.“ Das Lager wurde ein gutes Stück abseits der Leichen der Banditen aufgeschlagen und bald brannte auch ein ordentliches Feuer. Da sie tagsüber keine Gelegenheit zum Jagen gehabt hatten, wurde das Essen nicht ganz so gut, wie Vingna erhofft hatte und der Höhepunkt war der Zwergenschinken, dessen Vorrat schnell schrumpfte. Dafür war auch noch etwas Wein übrig, dem alle gerne zusprachen. Maler schien in Vingnas Gegenwart förmlich aufzublühen und er war es, der wieder das Wort ergriff. „Es freut mich, zu sehen, dass ein weiteres Vorurteil keine Grundlage hat. Offenkundig ist bei den Amazonen also doch nicht üblich, sich eine Brust abzuschneiden, um besser bogenschiessen zu können.“ Vingna schaute ihn ernst an. „Oh, bei einigen Stämmen ist das durchaus heute noch üblich. Aber nicht bei uns. Wir bleiben sehr lange Kriegerinnen und pflanzen uns deshalb erst sehr spät fort. Da wir keine Männer bei uns dulden, sind wir auf die Männer in den Dörfern und Städten angewiesen, wenn es um die Zeugung geht. Und da ist es einfach vorteilhafter, wenn man noch beide Brüste hat. Später besteht dann ja auch kein Grund mehr, irgendetwas abzuschneiden, also sind in unserem Stamm alle Frauen noch vollständig.“ Nimda hatte noch eine Frage. „Und eure männlichen Nachkommen? Stimmt es, dass sie gleich nach der Geburt getötet werden?“ Vingna lachte kurz auf. „Immer diese Interspeziesgerüchte. Nein, nein. Es werden bei uns ohnehin nicht viele Knaben geboren. Wir kennen da ein Kraut, dass ziemlich gut sicherstellt, dass überwiegend Mädchen zur Welt kommen. Wenn dann doch einmal irrtümlich ein männliches Kind dabei ist, bringen wir es der Familie des Vaters oder einer Ersatzfamilie.“ Maler war ins Grübeln gekommen. „Ich frage mich...wisst ihr, meine Herkunft liegt nämlich im Dunkeln. Ich bin als Waisenkind am Hof von König Solidor aufgewachsen und habe nie etwas über meine Herkunft erfahren können. Meine Zieheltern konnten oder wollten nichts sagen und sind überdies schon lange tot. Gut möglich, dass ich ein Amazonenkind bin, obwohl ich nichts von einem Stamm in der Nähe meiner Heimat weiss.“ Vingna schaute zweifelnd. „Das erscheint mir ziemlich unwahrscheinlich. Ich kann natürlich nicht für alle Stämme sprechen, aber zumindest die meisten würden sich nie darauf einlassen, ein Kind von jemand zu empfangen, der zu einem Königshof gehört. Das ist viel zu degeneriertes Blut, um brauchbare Kriegerkinder zu ergeben. Und zu einem Hof hätte der Vater gehören müssen, sonst wärt ihr als Baby nicht wieder dorthingebracht worden. Nein, ich denke, das Geheimnis eurer Herkunft wird ein anderes sein, egal ob dunkler oder heller. Aber sagt, was treibt euch in diese abgelegene Gegend, noch dazu in solch ungewöhnlicher Gruppierung?“ Senbein fühlte sich angesprochen und erzählte ihre Geschichte, angefangen von dem Diebstahl, ohne jedoch zu erwähnen, was genau gestohlen wurde. Generell gelang es ihm gut, das Thema Ringe zu vermeiden und trotzdem plausibel zu bleiben. Vingna stellte noch einige Fragen, dann war es wieder einmal an der Zeit, sich in die Decken zu hüllen und dem nächsten Tag entgegenzuschlummern. Wobei die Decken mehr dem Schutz vor Insekten dienten, als der Wärme, denn warm war es immer noch genug. In der Nacht hörten sie noch einen einzelnen Reiter, der mit hoher Geschwindikeit vorbeigaloppierte, ohne an ihrem Lager auch nur langsamer zu werden. Senbein und Nimda fühlten sich, jeder für sich, trotzdem an einen ganz bestimmten Abend im Oberwald erinnert und schauderten unwillkürlich.

Der Morgen brachte leichten Frühdunst und damit endlich etwas von der ersehnten Abkühlung, welche die Nacht über ausgeblieben war. Nach dem üblichen Frühstück, ergänzt duch etwas Obst, das die Amazone bei sich gehabt hatte, wurden die Zelte wieder abgebaut und verstaut. Sie halfen Vingna auch noch dabei, den Leichnam ihrer Freundin, in eine Decke gehüllt auf dem zweiten Amazonenpferd festzubinden, dann trennten sich die Wege auch schon. Die Kriegerin verschwand auf einem kaum erkennbaren Pfad in den Wald und die Hänflingsverfolger zogen ihres Weges auf der immer schlechter ausgebauten Strasse. Einige Zeit später näherten sie sich wieder einmal einer Brücke und Nimda fragte sich innerlich schon, wieviele Goldstücke sie wohl diesmal würde herausrücken müssen. Tatsächlich trafen sie unmittelbar an der Brücke auf gleich zwei Trolle, die der Gruppe aber keinerlei Beachtung schenkten, sondern wortlos in ein Schachspiel vertieft waren. Senbein trieb sein Pferd etwas näher heran und schaute eine ganze Weile stumm zu. Dann wendete er sein Pferd zur Brücke und gab den anderen ein Zeichen zu folgen. Am Brückengeländer hing an einem Drahtbügel eine Sammelbüchse. Offenbar erwarteten die Trolle, dass man seinen Obolus hier selbständig entrichtete. Senbein griff sich die Büchse und schüttelte sie ein paar Mal, dass die Münzen darinnen tanzten. Dann hing er sie zurück auf den Haken und ritt zügig und entschlossen über die Brücke, die anderen hinterdrein. Während Maler wieder die Führung übernahm, ritt Nimda näher an Senbein heran und gab ihrer Verwunderung Ausdruck: „Mir scheint, auch wir sind nicht frei von speziezistischen Vorurteilen. Der Troll von der Oberwaldbrücke war nicht dumm, und diese hier scheinen auch einigen Verstand zu besitzen, wenn sie sich sogar mit dem Schachspiel abgeben.“ Senbein überlegte kurz. „Ich weiss nicht, Zweifel dürfen erlaubt sein. Diese beiden waren nämlich noch beim ersten Zug.“ Berry mischte sich ein, was eine Seltenheit war, denn für gewöhnlich lauschte er nur stumm. „Wirklich dumm sind sie alle nicht. Es denken nur manche schneller und manche langsamer, und viel hängt auch davon ab, wieviel sie sich merken können. Wie es scheint, sind es insbesondere die Älteren, die langsamer denken, während die Jungen sich sehr viel merken können und sehr schnell denken. Randolf hat mal behauptet, das würde von Generation zu Generation immer besser werden, bis sie eines Tages sogar die Menschen überflügeln.“ „Wozu nicht allzuviel gehört“ bemerkte Senbein sarkastisch. „Ich habe schon immer gesagt, dass Zwergenhirne viel besser funktionieren. Das sieht man schon an der Art, wie wir miteinander, mit anderen Spezies und mit der Natur umgehen.“ „Jaja. Edel sei der Zwerg, hilfreich und gut.“ Nimda schien nicht ganz einverstanden. „Genau wie es bei uns Zwergen schwarze Schafe gibt, gibt es sie auch bei anderen Rassen, egal ob Mensch oder Hänfling. Ich bin sicher, auch einige der ach so edlen Elfen haben ihre dunkle Seite. Wir Zwerge sind vielleicht etwas rücksichtsvoller im Umgang mit der Natur, als die Menschen, aber gibt uns das das Recht, uns überlegen zu fühlen? Wir wissen doch gar nicht, welche Wunden wir der Welt zufügen, indem wir uns tief in sie hineinbohren und sie aushöhlen.“ Senbein wandte sich an den Hänfing. „Vorsicht, jetzt kommt gleich der grosse Mütterin Erdin Monolog, darin ist Nimda einzigartig. Wenn ihr weiter zuhören wollt, nur zu, ich hab das schon fast zu oft gehört.“ Damit liess er sein Reittier abrupt zurückfallen, was ihm einen strafenden Blick der Zwergin einbrachte. Berry schien aber ein guter Zuhörer zu sein, denn er ertrug Nimdas Ausführungen beinahe eine Stunde lang, bevor er sich mit einer halbherzigen Ausrede ebenfalls von ihrer Seite zurückzog.

Das Gelände war zwischenzeitlich deutlich hügeliger geworden und die Strasse, oder vielmehr der Weg, zu dem sie geworden war, wand sich hin und her wie eine Schlange. Der Baumbewuchs nahm auch wieder zu und gegen Abend fanden sie sich am Rande eines Waldes, von dem eine seltsame Stimmung ausging, ohne dass sie sich zunächst deren Ursprung erklären konnten. Es war Nimda, der als erster etwas Seltsames auffiel. „Dieser Wald besteht ja ausschliesslich aus Tannen. Wie ist so etwas möglich?“ Senbein berichtigte. „Es sind Fichten, Schatz. Man sieht es an den Nadeln.“ Das brachte ihm einen weiteren vernichtenden Blick ein, denn eigentlich war Nimda diejenige von beiden, die sich in diesen Dingen besser auskannte. „Tannen oder Fichten ist doch egal, wichtig ist doch nur, dass es nur eine einzige Baumsorte in diesem seltsamen Wald gibt.“ Maler liess sich neben sie zurückfallen. „Das ist der Kalte Wald. Er stammt noch aus der Zeit des ersten Königreiches und es gab hier einstmals eine Stadt, die das religiöse Zentrum des Reiches war. Der Name der Stadt ist längst vergessen, aber man sagt, wenn man nur tief genug in den Wald hineinreitet, findet man vielleicht ihre Ruinen. Die Menschen hatten damals einige recht seltsame Bräuche. Zu bestimmten Zeiten holten sie sich einen Baum aus dem Wald und schmückten ihn mit Lichtern und anderen Dingen. Da es damals sehr viele Menschen gab, mehr als heute, wurden auch viele Bäume benötigt und es mussten wohl auch unbedingt Fichten sein. Also hat man sie regelrecht angebaut und der Kalte Wald entstand, als das erste Königreich unterging und mit ihm ein Grossteil der Menschen.“ Nimda zuckte mit den Schultern und sah sich um. „Jetzt verstehe ich den Namen Kalter Wald. Baum an Baum und doch nicht viel Leben. Das einzige, was sich hier wohlfühlt, dürften Schädlinge sein.“ Maler nickte. „Mag sein. Man sagt, daran sei das erste Königreich zugrunde gegangen, an Schädlingen. Aber wir wissen heute nicht mehr viel darüber.“ Sie gelangten an einen Windbruch, wo hunderte von Bäumen kreuz und quer lagen und beschlossen, dort das Nachtlager aufzubauen. Der Wald versetzte sie alle in bedrückte Stimmung und sie gingen sehr frühzeitig in die Zelte. Nimda lag noch sehr lange wach und grübelte. Als sie schliesslich langsam wegdämmerte, wurde sie fast sofort vom Knacken dürrer Äste wieder geweckt, das von einem kaum vernehmbaren Gesang begleitet wurde, der mit einem dumpfen Schlag , als sei ein schwerer Körper zu Boden gefallen, abbrach. Es herrschte kurze Stille, dann drang ein unterdrücktes Fluchen zum Lager herüber und schliesslich wieder das Geräusch brechender Zweige, das sich rasch entfernte. Nimda beschloss, in dieser Nacht dann doch lieber gar nicht zu schlafen, holte ihr Schwert und hielt Wache. Sobald die anderen am nächsten Morgen erste Zeichen von Regung von sich gaben, ging sie hinüber zu der Stelle, von wo sie meinte, die nächtlichen Geräusche gehört zu haben. Dort lagen die umgestürzten Bäume besonder heftig durcheinander und sie wollte schon aufgeben, als sie einen Gegenstand am Boden bemerkte. Sie betrachtete das Ding eine Weile, hob es dann auf und brachte es mit zurück zum Lager. „Hübscher Hut.“ kommentierte Senbein und sah ihn sich näher an. „Die Federn sind ja ganz in Ordnung, aber die Früchte finde ich doch reichlich überzogen. Wo hast du den denn her?“ Nimda berichtete kurz von den Geräuschen der vergangenen Nacht und erntete den Dank der anderen für das Wachehalten. „Ich glaube, ich häng das Ding hier an den Ast, da kann der Besitzer es sich wieder abholen, wenn er erhöhten Wert auf das Prachtstück legt.“ Nimda ging hinüber zu einem besonders auffälligen Baum und vollzog ihre Ankündigung. „Das muss schon ein besonderer Kauz sein, der sowas trägt und dazu nächtens fröhliche Lieder singt. Schade, dass er sich dann doch nicht weiter herangetraut hat."“

Wenig später brachen sie wieder einmal auf und ritten schweigend durch den merkwürdigen Wald. Sie waren nicht wenig erleichtert, als sie die Einförmigkeit gegen Mittag hinter sich hatten und machten an einem grasbestandenen Hügel kurz Rast, um die Bäume innerlich abzuschütteln. Dabei stellte sich heraus, dass eines der Ersatzpferde im Wald wohl etwas Falsches gefressen haben musste, denn es hatte eine heftige Kolik entwickelt. Während sie noch überlegten, was getan werden könne und sogar in Erwägung zogen, das kranke Tier einfach zurückzulassen, sonderte sich Berry von der Gruppe ab und begann in immer weiteren Kreisen nach etwas zu suchen. Schliesslich schien er gefunden zu haben, wonach er suchte, denn er bückte sich und rupfte mehrere Büschel eines Krautes aus und kehrt damit zu den anderen zurück. „Ein anderer Vetter von mir ist Heiler, der hat mir einiges beigebracht. Das Kraut soll bei Koliken helfen und was für einen Hänfling gut ist, wird ja hoffentlich bei Pferden nicht schaden.“ Er ging hinüber zu dem kranken Tier und es schien zu begreifen, was Sache oder kannte das Kraut vielleicht sogar selber, denn es frass Berry die Büschel ziemlich gierig aus der Hand. Tatsächlich schien das Kraut gut zu wirken, denn das Pferd wirkte schnell lebhafter und nach knapp zwei Stunden konnten sie die Reise fortsetzen, wenn auch teilweise unter erheblicher Geruchsbelästigung. Nur Senbein fluchte noch ein wenig angesichts der Tatsache, dass sie schon wieder Zeit verloren hatten. Er hoffte inständig, dass das Schicksal auch einmal Brado treffen und zurückfallen lassen würde.

Die Landschaft wurde immer hügeliger, als hätte sie eine Gänsehaut bekommen. Maler wurde das ewige Geschlängel des Weges langsam zu bunt, und er schlug vor, den direkten Weg über die Hügel zu nehmen. Sie könnten etwa einen halben Tagesritt einfach geradeaus reiten und würden dann wieder auf den Weg treffen. Das war zwar für die Pferde etwas beschwieriger, aber sie würden dadurch eine Menge Zeit einsparen und schliesslich sollte es sich ja auch einmal auszahlen, Tiere zum Wechseln dabeizuhaben. Sie verliessen also den Weg und ritten in die Hügel hinein, wo sie bald erleichtert feststellten, dass es nicht annähernd so schwer wie vermutet war, ständig auf schrägen Grasflächen unterwegs zu sein. Sie kamen also gut voran und als die Dämmerung sie zum Halten zwang und sie ihr Lager aufschlugen, waren sie schon mitten in der Hügellandschaft. Irgendwie hatte der Kalte Wald sie alle viel Kraft gekostet und schon bald nach Einbruch der Dunkelheit waren alle eingeschlafen.

Soweit das erste Kapitel meines nach Jahrzehnten des Zauderns endlich begonnen Romans. Er ist schon weit über diesen ersten Teil hinausgekommen, da ich aber auch immer noch an eine Veröffentlichung als richtiges Buch nachdenke, werden weitere Teile vorerst nicht online gestellt. Ich weiss auch noch gar nicht, ob mir die Vollendung letztlich gelingt.

 
 


 
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