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steinbergstory
M.Ruerup Evolution - Intuition - Revolution - Solution

Hamburg, 1983. In einem Tonstudio lernen sich Manfred Rürup und Charlie Steinberg kennen. Der eine ist Keyboarder ( Tomorrow“s Gift, Release Music Orchestra, Carsten Bohns Bandstand), der andere Toningenieur (vormals Keyboards bei der legendären Törner Stier Crew), und eigentlich geht es um Aufnahmen für einen Act der Neuen Deutschen Welle.

Doch man stellt fest, dass man gemeinsame Interessen hat, nämlich die gerade ihren Kinderschuhen entwachsende Computertechnik und die damit verbundenen Veränderungen bei elektronischen Musikinstrumenten.

C.Steinberg Der gerade einmal ein Jahr alte Standard MIDI wird zum Thema der Gespräche. Rürup und Steinberg erkennen das Potential, das in der Verbindung von MIDI und Computertechnik liegt und entwickeln ein Konzept zur Nutzung dieser Möglichkeiten. Die Pläne werden einem grossen Hamburger Musikhaus vorgestellt, in der Hoffnung man bekäme auf diese Weise das zur Realisierung nötige Startkapital. Doch dort hält man wenig von der Idee, obwohl man selbst auf eher unkonventionelle Weise gross geworden ist.
Man ist wohl inzwischen zu sehr hanseatischen Kaufmannssitten verhaftet, um ein Risiko einzugehen. Rürup und Steinberg sind auf sich allein gestellt.

Derweil, von der Allgemeinheit völlig unbemerkt, überschreitet eine andere wichtige Entwicklung die kritische Schwelle. Aus dem ARPANET werden MILNET und ARPA Internet. Dazu später mehr...

MIDI Multitrack Sequencer Der erste Schritt
Steinberg, der gerade begonnen hat, das Programmieren zu erlernen, setzt sich an seinen Commodore 64 und schreibt den "MIDI Multitrack Sequenzer". Auch das MIDI-Interface für den C64 muss von Steinberg selbst zusammengelötet werden, da es keine fertigen Alternativen gibt. Rürup setzt diese Kombination im Studio und auch live ein und nutzt jede Gelegenheit, sie Musikern und Musikhändlern vorzustellen.
Seine ausgedehnte Tourneearbeit in diesen Tagen hilft dabei, die Idee weit zu verbreiten und langsam aber sicher steigt das Interesse an der neuen Produktionsweise, die durch den Computer ermöglicht wird.

C64 custom MIDI interface

1984 wird dann aus der lockeren Zusammenarbeit die erste "richtige" Firma, die Steinberg Research GmbH. Aus dem Multitracker wird der Pro-16, ein 16-Spur-Sequenzer, der den Grundstein für den Erfolg der jungen Firma legt. Zu dieser Zeit macht bereits ein neuer Heimcomputer von sich reden, der Atari ST, der ab 1985 ausgeliefert wird.

Mit einem wesentlich schnelleren Prozessor als der C64, der grafischen Bedienoberfläche und vor allen Dingen der eingebauten MIDI-Schnittstelle ist der Atari der ideale Rechner für Musikanwendungen. Sequencing ist derweil in aller Munde.

Etwas später eröffnet dann ein anderes Hamburger Softwarehaus seine Pforten, pikanterweise geleitet von einem der Gründer eben jenes hanseatischen Musikhauses, das nichts von Computern hielt. Über diese Schiene entwickelte sich im Lauf der Jahre aus einem Vorläufer der andere deutsche Sequenzer, der später nach einigem Hickhack unter der Regie einer weiteren Neugründung weiterentwickelt wird und schliesslich in die Fänge eines Computerherstellers gerät.

Pro 24 Atari Plattformwechsel
Zu den beiden Firmengründern ist mittlerweile ein weiterer Programmierer gestossen, Werner Kracht. Mit seiner Hilfe entsteht Pro-24, der erste Sequenzer für den Atari ST, der ab 1986 in den Regalen einer immer größer werdenden Zahl von Musikshops zum Verkauf steht. Auch der Sprung über den grossen Teich gelingt, in Zusammenarbeit mit dem Distributor Jones entsteht in Amerika die Firma Steinberg/Jones.

Pro 24 Atari Drumeditor

Mit dem Wechsel zur grafischen Benutzeroberfläche ist auch eine Änderung der grundsätzlichen Arbeitsweise verbunden. Man arbeitet nun nicht mehr pattern-orientiert, sondern mit Spuren, welche die musikalischen Informationen wie bei einem Mehrspur-Tonbandgerät darstellen. Die Quantisierung, also das Zurechtrücken unsauber eingespielter Noten, das Verändern von Parametern wie Anschlagsstärke, sowie das Bearbeiten mit verschiedenen Editoren bringen dem Musiker neue Möglichkeiten, seiner Kreativität freien Lauf zu lassen.

Cubase Atari

Cubase Atari Editors

Die Legende beginnt
1987 erfolgt die Umfirmierung zur Steinberg Soft- und Hardware GmbH, ein Name, der für dreizehn Jahre Synonym für Innovation und Kreativität sein sollte. Unter dem Kürzel MMS GmbH wird ein Spin-Off gegründet, der mit seinem Music Mail System dafür sorgen will, dass sich Musiker mittels Computern und Modems miteinander verständigen können und so neue Wege der musikalischen Zusammenarbeit finden. Eine Idee, die über ein Jahrzehnt später mit InWire und dem Rocket Network vollends Realität wird.

In den folgenden zwei Jahren arbeitet man im Hause Steinberg daran, die grafische Darstellung musikalischer Informationen noch weiter zu verbessern und den Umgang mit den vielfältigen Möglichkeiten der Sequenzertechnik zu vereinfachen. Das Ergebnis dieser Arbeit wird Maßstäbe setzen und auf Jahre hinaus zum bestimmenden Element der Sequenzertechnologie weltweit werden. Ende 1989 ist es dann soweit, Cubase erblickt das Licht der Welt.

Topaz HDR Parallel ist aber allen Beteiligten längst klar, dass es langfristig nicht bei reinen MIDI-Lösungen bleiben kann. Nur fünf Jahre nach Markteinführung der Compact Disc setzt sich digitalisiertes Audio immer stärker auch in der Produktion durch. Folgerichtig erscheint bereits 1988 ein erstes Harddiskrecording-System aus dem Hause Steinberg, das schon eine Ahnung künftiger Entwicklungen mit sich bringt und nur aufgrund des technisch bedingt hohen Preises den Profis vorbehalten bleibt.
Mac Classic 1990 In allen Gassen
Während Cubase in Europa grosse Erfolge feiern kann, sieht die Lage in Amerika etwas anders aus. Dort ist der Atari ST bei weitem nicht so beliebt wie Apples MacIntosh Computer. Folgerichtig begründet Steinberg daher eine Produktstrategie, die bis heute Bestand hat: Cubase wird mehrplattformfähig und schon 1990 kann die Cubase Version für den MacIntosh der Öffentlichkeit präsentiert werden. Die englische Zeitschrift Sound on Sound kommentierte das im Rückblick so: “Steinbergs Cubase wurde zum ersten der "grossen Zwei" Atari Sequencer, die für die Mac-Plattform erschienen. Wer Emagics Notator vorzog, musste erst geduldig warten... dann ungeduldig, und bekam dann schliesslich Logic... und musste feststellen, dass man nun eine völlig neue Arbeitsweise lernen musste.“
Nubus DSP Card 1991

Cubase PC Splashscreen

Atari Falcon

Audio
Das Jahr 1991 bringt einen weiteren Meilenstein in der Geschichte des Musikcomputers. Basierend auf mit speziellen Signalprozessoren (DSPs) ausgerüsteten Zusatzkarten wird es erstmals möglich, mit dem Personalcomputer auch digitale Audiosignale zu verarbeiten und damit das zu tun, was unter dem Begriff Harddiskrecording daran geht, die mechanisch anfälligen analogen und digitalen Bandgeräte zu ersetzen. Leider sind diese Karten teuer und ausserhalb der finanziellen Reichweite der meisten Heimanwender.

Ein weiterer Rechner tritt 1992 aus dem Schatten seines Bürodaseins, der IBM(-kompatible) PC. Mit Windows 3.0 hat auch er eine grafische Benutzeroberfläche erhalten und wird aufgrund seiner immer grösseren Verbreitung zur interessanten Alternative zum vergleichsweise teuren MacIntosh. Mit Cubase für Windows steht erstmalig ein Sequenzerprogramm auf allen drei wichtigen Computerplattformen zur Verfügung.

Ebenfalls 1992 wird von der Firma Atari ein neuer Homecomputer angekündigt, der Atari Falcon. Dieser verfügt als herausragendes Merkmal über einen eingebauten DSP und ist daher der erste Computer, der Harddiskrecording ohne teure Zusatzkarte möglich macht. Mit Cubase Audio Falcon wird es 1993 möglich, zusätzlich zu den MIDI-Spuren auch acht Spuren Audio zu bearbeiten. Die Digitale Audio Workstation wird auf einmal für jedermann erschwinglich.

Der Falcon bleibt einige Jahre lang die ideale Musikmaschine für den Heimanwender, wird aber auch von Profis eingesetzt und als Atari sich aus dem Hardwaregeschäft zurückzieht, wird er sogar noch leicht modifiziert von einer Firma weitergebaut, die uns schon mal begegnet ist: C-LAB. Ausgeliefert wurde nun aber mit der richtigen Software...

FX Mehr Audio
Bislang beschränkt sich die Audiobearbeitung im Computer auf das reine Aufnehmen und Schneiden. Mit den aktuellen DSP-Farmen und Audiokarten werden jedoch auch Audioeffekte, zum Beispiel Hall, möglich. Dies erfordert zunächst den Einsatz von speziell für diese Karten geschriebenen Effektprogrammen. Steinberg gründet 1994 für diesen Bereich die Spectral Design GmbH , die sich im Folgenden unter Anderem mit der Schaffung von Effekt-PlugIns beschäftigen wird.
Wavelab 1.0 Während es im Sequenzer-Bereich scheinbar nicht weitergeht, wird 1995 Wavelab veröffentlicht. Mit diesem schnellen, komfortablen Audio-Editor beschreitet Steinberg wieder einmal Neuland. Erstmals wird ein hochklassiges Audio-Programm zuerst auf der Windows-Plattform veröffentlicht, nicht auf dem MacIntosh. Steinberg trägt damit dem Umstand Rechnung, dass der PC mittlerweile weit verbreiteter ist als alle anderen Plattformen.

Internet und World Wide Web stehen nun täglich mehr Benutzern zu Verfügung. Folgerichtig eröffnet Steinberg Websites in den USA (1995) und Deutschland (1996), um den Kunden Informationen und Support auch auf diesem Wege zu geben. Es ist aber abzusehen, dass da noch mehr möglich ist.

Cubase VST Mac 5/97

Cubase VST PC 1998

Das virtuelle Studio
1997 dann die endgültige digitale Revolution. Mit Cubase VST für Macintosh wird es erstmalig möglich, sämtliche Funktionen eines Tonstudios komplett innerhalb eines einzigen Rechners abzubilden, ohne dass teuere externe Hardware benötigt wird. Mixer, EQs, Hall- und andere Effekte, alles wird vom Hauptprozessor erledigt, besondere DSPs sind nicht mehr erforderlich. Schneiden, Mischen, Mastern - alles ist nur einen Mausklick entfernt. Nebenbei wird noch die Steinberg France SARL gegründet um auch in diesem wichtigen Nachbarland präsent zu sein.

Nur ein Jahr später, 1998, wird Cubase VST auch auf dem PC verfügbar. Die VST- und ASIO-Schnittstellenspezifikationen sind frei zugänglich und jeder kann selbst PlugIns entwickeln oder seine Audiohardware an das VST-System ankoppeln. Damit ist ein einzigartiges, offenes System entstanden, das dem Anwender ein Maximum an kreativer Freiheit läßt, ohne seine finanziellen Ressourcen überzustrapazieren. In Japan entsteht derweil die Steinberg Japan, Inc.

Cubase VST PC Rocket Online live dabei
Mit dem Rocket Network kommt 1999 eine weitere, wenn auch etwas leisere Revolution. Per Internet können nun Cubase-Benutzer weltweit miteinander kommunizieren und gemeinsam an Online-Sessions teilnehmen. Der Vorteil gegenüber der "normalen" Session: Man zeigt den Anderen nur die Dinge, die man für gelungen hält, misslungene Takes fallen einfach unter den Tisch. Eine weitere Neuerung in diesem Jahr: Mit den Creative Tools bringt Steinberg eine Produktlinie, die sich mit Produkten wie Clean! und Get it on CD auch an diejenigen wendet, die nicht primär über das Musikmachen in die Audiobearbeitung einsteigen.
Nuendo & gear Surroundsound
Mit Nuendo deckt Steinberg im Jahre 2000 einen weiteren Bereich ab, die Postproduktion. Ausgehend von der VST-Technologie hat das Steinberg Entwicklerteam ein vollkommen offenes, weitgehend plattformunabhängiges Audio-Produktionssystem geschaffen, dass mit seinen Surroundfähigkeiten neue Standards setzt und wiederum in einen Bereich vordringt, der bislang teueren Hardwarelösungen vorbehalten war. In Reaktion auf das starke Wachstum der Firma erfolgt die Umstrukturierung in die Steinberg Media Technologies AG.

Kontinuität
2001 bringt Einiges an Neuheiten: Nuendo wird auch für den Macintosh verfügbar, mit Halion bringt Steinberg seinen ersten Software-Sampler als VST-Instrument und die Steuerconsole Houston schliesslich bringt die Lösung für das Problem, alle Funktionen von VST nur mit Maus und Tastatur steuern zu können.

Cubase SX Vorläufiger Höhepunkt des Jahres 2002 ist Cubase SX, das mit seinem vollständigen Redesign der Audio-Engine die besten Teile des Nuendo Systems mit langbewährten Cubase Funktionen verbindet. Mit dem VST-System Link und V-Stack schliesslich kann man die Grenzen des eigenen Rechners verlassen und durch den Einsatz weiterer Rechner aufwändige Prozesse auslagern. Und noch vor dem Weihnachtsfest am 18. Dezember dann eine nicht unerwartete Wende: Manfred Rürup und Charly Steinberg verkaufen die Steinberg Media Technologies an die amerikanische Firma Pinnacle, um Synergien zu nutzen und mit dem starken Partner neue Wege gehen zu können.
  Kontinuität?
Neue Besen kehren gut, die vielbeschworenen Synergien bestehen 2003 und 2004 im Wesentlichen aus Umstrukturierungen und damit einhergehendem massivem Arbeitsplatzabbau. Hinsichtlich der Produkte tut sich nichts Spektakuläres, es wird fortgeschrieben und verfeinert, durch den neuen Eigentüer bedingt kommt weitere Hardware hinzu, aber nicht die erwartete neue Produktlinie, in die Kernkompetenzen beider Firmen hätten einfliessen können.

Ende 2004, fast auf den Tag genau 2 Jahre nach der Übernahme, hat Pinnacle Systems genug Knowhow abgezogen und braucht Steinberg nicht mehr. Die Firma wird zum Einkaufspreis an Yamaha verkauft und landet damit wieder dort, wo sie hingehört, bei Menschen, die für Musiker da sind.

 

Dieser Text wurde ab 2001 ursprünglich -überwiegend in der Freizeit, die Recherchen waren teils etwas aufwändiger - für den Relaunch der Steinberg Website geschrieben, und ist dort auch in einer politisch korrekten Version mit etwas förmlicherer Bebilderung und fast linkfrei zu sehen . Die Bilder & Links hier wurden und werden nachträglich eingebaut, im Rahmen der Firmenwebsite wären etliche davon sicher so auch nicht möglich, das Gleiche gilt wohl auch für einige Textstellen. Aber das Web lebt ja gerade von kreativer Verlinkung... Einige der Links werden künftig sicher auch noch gegen Informativeres ausgetauscht, alleine zum Stichwort Benutzoberfläche kann man ja Bände schreiben.

 
 


 
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