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CLINCH-Laden Werbung 1988 Der CLINCH-Laden, Teil 2

Wie an anderer Stelle (Das Chaos Computer Buch, Wunderlich Verlag,1988) bereits erzählt, war es dem Chaos Computer Club gerade gelungen, einen relativ großen Datensicherheitsskandal, von dem über einhundert Rechner weltweit betroffen waren, so zu managen, daß für die betroffenen Systeme und auch für die verantwortlichen Hacker keine weiterreichenden Nachteile entstanden.

Gleichzeitig versuchten wir, deutlich zu machen, welche Risiken und welche Vorteile aus der kreativen Nutzung von Datennetzen entstehen können. Leider wurden die Absichten der involvierten Hacker und auch die Bedeutung des Chaos Computer Clubs in der Folge nicht von allen Betroffenen gleich gewertet. Ein französischer Ableger des Weltkonzerns Philips hatte Werksspionage oder Schlimmeres gewittert und eine Woge von polizeilichen Ermittlungen schwappte ziemlich unkontrolliert durch die bekannte Hackerszene jener Tage. Während die Bemühungen der deutschen Behörden eher kontrolliert und mit einigem Sachverstand durchgeführt wurden, waren die Behörden anderer betroffener Länder weniger zimperlich. Steffen Wernéry, seinerzeit wie ich Vorstandsmitglied des Chaos Computer Club e.V., wurde anläßlich einer Einladung zu einem Datensicherheits- Kongress bereits auf dem Pariser Flughafen von der französischen Finanzpolizei verhaftet und in Untersuchungshaft genommen.

Dieses Ereignis brachte natürlich weitere Unruhe in den CLINCH-Laden. Vorrangig war es nun, Steffen zu helfen und mit den vorhandenen Ressourcen des Ladens und des Chaos Computer Clubs jede nur denkbare Hilfe zu organisieren. Das riss natürlich ein noch grösseres Loch in die ohnehin schon dünne finanzielle Deckung beider Einrichtungen und selbst ein in aller Eile organisiertes Benefizkonzert brachte nur wenig ein. Die Stimmung in Hamburg wurde immer gereizter und es wurde immer deutlicher, daß es zwei grundsätzlich nicht vereinbare Strömungen unter den in Hamburg agierenden Personen gab. Die Mißverständnisse nahmen zu, damit auch die Streitereien untereinander. Die Unterschiede in den Interessen des CCC und denen des CLINCH-Ladens, sowie die der Beteiligten wurden immer größer und es kam zu einem ersten massiven Bruch. Club-Interessen und Ladeninteressen wurden soweit wie möglich voneinander getrennt. Der Pressesprecher des CCC, der bis dahin seine Arbeit aus dem Laden heraus gemacht hatte, wechselte in die Clubräume über und ein anderes Clubmitglied übernahm den leeren Arbeitsplatz im CLINCH-Laden, um wenigstens so etwas wie reguläre Öffnungszeiten sicherzustellen. Die zahlungskräftigen Kunden blieben allerdings weiter aus.

Nicht nur die finanziellen und ideologischen Interessen wurden in dieser Zeit neu bewertet, auch die zwischenmenschlichen Beziehungen wurden einer harten Probe unterworfen. Bindungen brachen oder wurden lockerer, andere wurden fester oder erneuert. Ich legte mein Vorstandsamt im CCC nieder und trat aus dem eingetragenen Verein aus. Ich wollte mich mehr auf den Laden konzentrieren und versuchen, zu retten, was zu retten war.

Unterbewusst war mir wohl längst klar, dass dieses Unterfangen zum Scheitern verurteilt war. Deshalb unterliess ich es, die wichtigste Konsequenz zu ziehen und mich ganztägig dem Laden zu widmen und behielt meine Beamtenposition bei. Die Monate gingen ins Land, und das Einzige, was sich vermehrte, waren meine Schulden. Im Oktober 1989 war ich endgültig am toten Punkt angelangt. Ich packte meine Koffer und floh erstmal nach Griechenland, um wieder einen freien Kopf zu bekommen. Der CLINCH-Laden war am Ende.

RS 14. Juni 1998

 
 


 
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