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CLINCH Broschuere CLINCH-Mailbox 1987 Der CLINCH-Laden, Teil 1

Meine ersten Kontakte zum Chaos Computer Club hatte ich im Jahre 1985. Zu dieser Zeit war weltweite Vernetzung noch eine zarte Pflanze, deren Pflege und alleinige Nutzung den Banken, Behörden und der Forschung, auch auf militärischem Sperrgebiet, vorbehalten war. Richtig schnelle Computer waren noch teuer und groß. Bereits die Stromkosten für ein solches, meist wandschrankgroßes Gerät überstiegen bei weitem meine finanziellen Möglichkeiten. Es hatte gerade für einen Commodore C64, komplett mit externem Diskettenlaufwerk und Drucker, gereicht.

Da es ausser den gerne und reichlich genutzten Spielprogrammen nur recht wenig gab, was man mit dem guten alten "Brotkasten" anstellen konnte, hatte ich diesen zur Mailbox umfunktioniert und unter dem hochtrabenden Namen "Communication Link-Information Network Computer Hamburg" eine halbwegs gute und auch beliebte Anlaufstelle für Datenreisende aus dem eigenen Ortsnetz geschaffen. Der etwas hochtrabende Name wurde übrigens gewählt, um die abgekürzte Form "CLINCH" überhaupt bilden zu können. Der Name CLINCH wiederum war der Name einer Band, bei welcher der Schlagzeuger "meiner" Band namens "Goblin" ... aber das ist, wie es so schön in Michael Endes "Unendlicher Geschichte" heißt, eine andere Geschichte und sie soll ein andermal erzählt werden.

Leider waren die technischen Möglichkeiten des C64 sehr bald ausgereizt und eingedenk des Mottos "Wir müssen uns vernetzen", das mir ein Chaot namens Vic anläßlich meines ersten Abends beim CCC auf die Fahne geschrieben hatte, war eine drastische Erweiterung der Mailbox erforderlich geworden. Ein rasch aufgenommener Kleinkredit brachte außer einer monatlichen Belastung von DM 250,- auch einen postzugelassenen Tandon PC ins Haus. 384 kiloByte Hauptspeicher und eine zwanzig Megabyte fassende Festplatte entsprachen damals dem Industriestandard. Das Mailboxprogramm wurde wieder einmal von einem Bekannten ausgeliehen und an die eigenen Bedürfnisse angepasst. Ein anderer Bekannter steuerte sogar recht bald eine echte Netzwerkanbindung an das damals sehr beliebte FIDO-Netzwerk bei, wobei schlicht und einfach Nachrichten zwischen FIDO und der bis dahin isolierten CLINCH-Mailbox ausgetauscht wurden.

Was heute für jeden Besucher eines Internet Cafés und für Millionen von Computerbesitzern selbstverständlich ist, war damals halt noch Neuland und kam einem technischen Wunder gleich. Wir verstanden uns als Pioniere die gerade die ersten Zelte an jenem Ort aufschlugen, der jetzt - je nach Grad der Fantasie des Betrachters - globales Dorf oder Cyberspace heißt. Multimedia war damals noch eine Utopie einiger Unerschrockener und auch jetzt, dreizehn Jahre danach, ist der Traum vom weltumspannenden Multimedia- Netzwerk weder ausgeträumt noch vollständig realisiert.

Auch die Idee des Internet-Cafés selbst entstand irgendwann in dieser Zeit. Romantisch verklärte Erinnerungen an die Videogrüppchen der späten 70er und frühen 80er vermischten sich mit den Möglichkeiten der globalen Datenkommunikation und das Konzept des Informationsladens war geboren. Also wurde nach einem geeigneten Standort für den ersten Informationsladen Hamburgs gesucht und schließlich von mir in einem nicht ganz citynahen Stadtteil gefunden: Ein alter, heruntergekommener Blumenladen, der in noch schlechteren Zeiten auch schon als Apotheke gedient hatte. Im hinteren Teil sollte meine Wohnung sein und vorne im Laden sollte das große Konzept realisiert werden, einer der Träume fast jedes Hackers der damaligen Zeit: Das eigene Wissen und die eigene Fähigkeit zur Informationswiederbeschaffung in bare Münze für den Lebensunterhalt einschließlich der jeweils neuesten Computer umzusetzen. Ein paar Möbel aus dem schwedischen Kaufhaus, Schreibtische von einem anderen Discounter, ein paar Telefonleitungen und natürlich eine Kaffeemaschine, mehr brauchten wir nicht und der CLINCH-Laden war eröffnet.

Wie wir sehr schnell merkten, fehlte leider das Wichtigste, um dem Konzept zum Erfolg zu verhelfen. Es kamen schlicht und einfach keine Kunden, die bereit waren, für unsere kompetente Beratung und Hilfe Geld auszugeben. Glücklicherweise hatte ich meine Tätigkeit als Beamter der Deutschen Bundespost noch nicht aufgegeben und vorsichtshalber die Computer- und Medienberatung nur als amtlich genehmigten Nebenjob aufgenommen. Zumindest für die Miete der Räumlichkeiten und lebensnotwendige Dinge wie Kaffee und Junkfood reichte es also halbwegs.

Ansonsten ging alles mehr oder weniger schief. Von einem Sharewareunternehmen übernahmen wir in einer Art minimalistischem Franchising fertig bespielte Disketten und versuchten, über diese Schiene Geld hereinzubekommen. Von einem weiteren Bekannten wurden Computer auf Kommissionsbasis zum Weiterverkauf zur Verfügung gestellt, ungeachtet der Tatsache, daß bereits damals der Verkauf von aktueller Computerhardware ein sehr riskantes Spiel war, so schnell veralteten die gerade topaktuellen Geräte und wurden zu Ladenhütern.

Ich wäre mit diesem drohenden finanziellen Desaster vielleicht noch fertiggeworden, wenn nicht äußere Umstände die Lage weiter kompliziert hätten.

Weiter mit Teil 2

RS 11. Juni 1998

 
 


 
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