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Polizei Hamburg

Welcome to the NASA-Headquarter - Teil 8

Fremde in der Nacht

Pünktlich um 19 Uhr klingelten am 28.9.1987 Beamte des Wiesbadener Bundeskriminalamts, unterstützt von hamburgischen und französischen Beamten, gleichzeitig an den Wohnungstüren von Wau Holland und Steffen Wernéry.

Sie hatten Durchsuchungsbeschlüsse bei sich, die sie ermächtigten, die Wohnund Geschäftsräume beider Personen zu durchsuchen. Anlaß für diese Aktion war der Vorwurf, diese hätten gemeinsam mit "noch nicht näher bekannten" Personen Rechnersysteme der Firma Philips in Frankreich und des Europäischen Kernforschungszentrums CERN in der Schweiz geplündert und dort Daten sowohl ausgespäht als auch verändert oder gelöscht.

Mehr als dreißig Beamte waren eingesetzt um diese angeblichen Verstöße gegen geltendes deutsches Recht zu ahnden. Im Zuge der Aktion wurde umfangreiches Material sichergestellt, darunter auch das Redaktionssystem des C CCC-Bildschirmt ex t-Dienstes eine Festplatte, Hunderte von Disketten und Magnetbändern sowie Papierdokumente.

Wir hatten damit gerechnet, daß die Behörden auf Grund der NASA-Sache aktiv werden würden. Womit wir nicht gerechnet hatten, war, daß sich die Aktivitäten gegen uns richten würden. Anstatt die Digital Equipment Corporation wegen Schlamperei zur Rechen schaft zu ziehen, wurden nun diejenigen ins Visier genommen, die den Pfusch öffentlich gemacht hatten. Pikanterweise wußten wir zum Zeitpunkt des NASA-Hacks noch nicht einmal, daß Philips überhaupt DEC-Rechner verwendet und ein Forschungszentrum in Frankreich unterhält. Und CERN ach ja, CERN. Welcher Hacker kennt CERN denn nicht? CERN ist so etwas wie die Fahrschule der Hacker; ein Ort, der einen gastlich willkommen heißt und ein e m hilft, Erfahrungen zu sammeln. CERN hat sich die Hacker Anfang der achtziger Jahre eingefangen und ist sie seither nicht wieder losgeworden. Wir hatten eigentlich gedacht, man hätte dort seine Lektion in Sachen Hackerethik längst gelernt...

The show must go on

Nach Aussagen von Beamten hatte das BKA fast ein Jahr gewartet und sich auf die 'Stunde Null vorbereitet. Aber wie immer, wenn eine Sache besonders sorgfältig geplant wird, geht etwas schief in diesem Fall glücklicherweise. Der Mitbewohner Steffens verließ die Eppendorfer Wohnung just in dem Moment, als die Beamten sich anschickten, mit der Durchsuchung zu beginnen. Er alarmierte einen Journalisten, von dem er wußte daß er oft in einer Kneipe um die Ecke sitzt, und nach kurzer Zeit erschien ein TV-Team und nutzte die seltene Gelegenheit, die Durchsuchung vom gegenüberliegenden Balkon aus zu filmen. Noch während die Beamten die Wohnung durchstöberten, wurde gesendet. Wäre das Fernsehgerät in Steffens Wohnung kabeltauglich gewesen, hätten die BKA-Leute sich selbst im Fernsehen bewundern können. Dieser Zufall machte den Einschüchterungteil der BKA-Planung hinfällig.

In der folgenden Zeit wurden fast täglich neue Ermittlungsverfahren eröffnet. Weitere Hausdurchsuchungen fanden statt, insgesamt sieben. Eine Fülle von Beileidsbezeugungen und Solidaritätsadressen erreichte den Club. Allgemein wurde das Vorgehen des BKA als weit überzogen angesehen, vor allem war es an die falsche Adresse gerichtet. Wir hatten immer auf Offenheit und Information gesetzt, nun sahen wir uns mit abenteuerlichen Verschwörungstheorien konfrontiert. Was Wunder, daß die Beamten gegen "Verschwörer" so massiv vorgingen. Da unseren Anwälten jede Akteneinsicht verwehrt wurde, war es nicht möglich, die tatsächlichen Vorwürfe zu erfahren und angemessen zu handeln. Was wollte das BKA ausgerechnet von uns?

Die Wege des BKA sind unergründlich

Offenbar gibt es ein Rechenzentrum der Firma Philips in Frankreich, in dem man an der Entwicklung eines 64-Megabit-Speicherchips arbeitet. Angesichts der Tatsache, daß die Europäer schon beim 1-Megabit-Chip und beim 2-Megabit-Chip das Rennen gegen die überseeische Konkurrenz verloren hatten war klar, daß man dort ausgesprochenen Wert auf Diskretion und Rechnersicherheit legen mußte. Im Speicher-Business macht der das Geschäft, der vor der Konkurrenz auf dem Markt ist. Wie wir nun in Erfahrung brachten, war dieses Philips-Forschungszentraum auch an das SPANNET angeschlossen, das durch den NASA-Hack gerade zweifelhafte Prominenz erlangt hatte.

Unsere Überlegungen verdichteten sich zu folgendem Bild: In diesem Philips-Forschungszentrum muß es Unregelmäßigkeiten gegeben haben; vielleicht hatte auch schon die Befürchtung der Betreiber ausgereicht, es könne Unregelmäßigkeiten gegeben haben. Als diePresse einer staunenden Weltöffentlichkeit berichtete, wie einfach es war, ein internationales Computernetz zu durchlöchern, hatten die Verantwortlichen bei Philips anscheinend kalte Füße bekommen. Die Geheimhaltung gegen über der Konkurrenz war akut gefährdet, Gegenmaßnahmen unverzichtbar. Zwar kommen nur bei zwei Prozent aller Störungen in Computersystemen Einbrüche von außen als Ursache in Frage, immerhin, die Möglichkeit war nicht auszuschließen. Und in den Zeitungen stand ja auch, wer verantwortlich war: Der berüchtigte Chaos Computer Club. Also erstattete Philips Anzeige.

An dieser Stelle kommt eine Eigenart des deutschen Rechts ins Spiel, das nämlich für sich in Anspruch nimmt, überall dort zu gelten, wo ein Deutscher als Täter oder C)pfer beteiligt ist oder deutsches Gut betroffen ist. Kaum ein anderes Strafrecht in der Welt erhebt einen ähnlich elitären Anspruch. Folge dieser Rechtsauffassung ist eine große Bereitschaft zur internationalen Zusammenarbeit bei der Strafverfolgung. So reichte denn die Intervention französischen Behörden aus, um das Bundeskriminalamt Richtung Hamburg in Marsch zu setzen.

Es ist für die Systembetreiber allemal einfacher, den Schwarzen Peter weiterzuschieben; das gilt auch für die Betreiber von CERN, dem Mekka der Hacker. Wer sich jahrelang mit Datentouristen aller Art zu beschäftigen hat, verliert irgendwann die Nerven, wenn es ihm nicht gelingt, einen gemeinsamen Nenner zwischen eigenen Interessen und Systemsicherheit zu finden.

Mit Karl Kraus: Der Skandal beginnt stets dann, wenn der Staatsanwalt sich bemüht, ihm ein Ende zu bereiten.

Kabelsalat ist gesund

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