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ZX81 + 16kB RAM

Am anderen Ende des Drahtes - Teil 1

Ein zarter Lichtstrahl fällt durch das halbblinde Fenster auf meinen Monitor und versperrt den Ausblick auf wichtige Daten. "Aha, es ist wieder Frühling", schießt es durchs Hirn.
Mühsam reiße ich den Blick los von der zweidimensionalen Schlichtheit und wende ihn gartenwärts. Langsam dringt Frühlingswirklichkeit in mein Bewußtsein. Ein letztes Mal gleitet das Auge über die Reihe der Bildschirme, die im Licht der jungen Sonne zu verblassen drohen. Schon halb auf der Treppe und auf dem Weg in den nahen Park, durchzuckt mich die Frage: "Wie konnte das alles passieren?"

Meine erste Begegnung mit dem Computer hatte ich während der Ausbildung zum Elektromechaniker. Der Personal Computer war knapp zwei Jahre alt und hatte seinen Siegeszug gerade erst begonnen, aber schon waren, zumindest für angehende Techniker, die Springfluten erkennbar, die er mit sich bringen würde. Da die Ausbildungsvergütung, die ich damals erhielt, bei weitem nicht ausreichte, um mich in den Besitz der begehrten Geräte zu bringen, blieb es zunächst bei einer platonischen Beziehung. Die sah so aus, daß ich ständig zum Zeitschriftenhändler lief, um die neuesten Fachzeitschriften zu erstehen und zu verschlingen. Ein Jahr später erfolgte dann der erste große Einbruch auf dem Computermarkt: Sir Clive Sinclair brachte mit dem ZX80 erstmals einen Homecomputer auf den Markt, der für kleine Geldbeutel erschwinglich war. Für weniger als tausend Mark konnte man nun ein zigarrenschachtelgroßes Etwas erstehen, das bei der kleinsten Berührung die Arbeit von Stunden vergaß und etwa soviel Speicherplatz hatte, wie heute benötigt werden, um die ersten zwei Zeilen einer Grafik darzustellen. In der Tat war die Leistungsfähigkeit dieser Maschine so begrenzt, daß einem gar nichts anderes übrig blieb, als sich mit der Alchimistenküche der maschinennahen Programmierung zu beschäftigen, alles andere hätte in der Ausführung viel zu lange gedauert.

Die Werkzeuge, die dem ZX80/81 -Programmierer zur Verfügung standen, waren der Rechner selbst, das bis heute unerreicht gute Handbuch sowie Rod Zak's "Programming the Z80", alle Lektüre selbstverständlich in englischer Sprache, denn der deutsche Markt existierte noch nicht. Die Umsetzung in eine maschinenlesbare Form geschah im Kopf und auf Bergen von Papier, denn es gab keine Programme, die diese Arbeit übernehmen konnten. Der Prozessorbefehl wurde an Hand der Zeichentabelle im Handbuch verschlüsselt und das zugehörige Zeichen virtuos auf der fünffach belegten Tastatur in den Rechner gehackt. Ich hatte eigentlich nie wieder so unmittelbare Erfolgserlebnisse wie damals, wenn sich nach fünf Stunden intensivster Arbeit herausstellte, daß man tatsächlich schnell bewegte Bilder mit dieser oft als Digital-Türstopper verrissenen Maschine erzeugen konnte. Gewiß, die grafische Darstellung war nicht besser als das legendäre TV-Tennis, das den Ruhm der Videogames begründete, aber erschwingliche Alternativen gab es nicht.

Der nächste Meilenstein war der Commodore VC20. Diesen Rechner würdigte ich dadurch, daß ich ihn nicht kaufte, denn es war klar, daß da mehr sein mußte als ein farbiger ZX81, bei dem jede Erweiterung einen Monatslohn kostete. Und richtig, wenig später erschien der Commodore 64 auf der Bildfläche, ein vielfarbiger Speicherriese mit vollen 64 KB Speicher und der Möglichkeit, einfach Zusatzgeräte wie Floppy-Laufwerke und Drucker anzuschließen. 1400 DM kostete der Commodore 64 damals, unerhört preiswert, wenn man die neuen Möglichkeiten mit dem Marktstandard verglich. Im Gegensatz zu anderen Maschinen, die vielleicht mehr freien Speicher hatten oder schneller waren, hatte der C64 den Vorteil, eine wirklich offene Maschine zu sein, die sich mit vergleichsweise geringem Aufwand auch für Dinge nutzen ließ, an die wohl nicht einmal der Hersteller gedacht hat. Dies zeigt sich auch daran, daß dieser Rechner nunmehr im sechsten Jahr steht und millionenfache Verbreitung gefunden hat. Das Angebot an Programmen ist schier unübersehbar geworden, wenngleich auch der Schwerpunkt bei den Computerspielen anzusiedeln ist, weniger bei Gebrauchssoftware.

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